DIE ZEIT: Es ist so weit, die Briten haben ein Austrittsgesuch nach Paragraf 50 des EU-Vertrages gestellt, der Brexit wird zur Realität. Wie sehen Sie die Chancen, dass die Scheidungsverhandlungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union zu einem erfolgreichen Abschluss kommen?

Peter Mandelson: Laut Lissabon-Vertrag sollen die beiden Seiten sich innerhalb von zwei Jahren auf ein Handelsabkommen einigen, das jedes kleinste Detail der Wirtschaftsbeziehungen rechtlich abdeckt. Das ist ganz und gar unmöglich. Nicht nur weil die Zeit einfach nicht reicht. Viel gravierender ist, dass die britische Regierung mit der falschen Grundeinstellung in die Verhandlungen geht. Im Grunde kann man den Europäern nur das eine raten: Vergesst Großbritannien, und kümmert euch um eure eigenen Interessen!

ZEIT: Das ist mir zu pessimistisch. Die EU ist Großbritanniens wichtigster Handelspartner. Da gibt es doch genügend gemeinsame Interessen, um sich so schnell wie möglich zu einigen.

Mandelson: Auf den ersten Blick stimmt das vielleicht. Aber Sie müssen begreifen, wie sehr sich die Haltung der britischen Regierung nach dem Referendum verhärtet hat. Für Premierministerin Theresa May ist der harte Brexit, der vor allem bedeutet, dass man sich beim Thema Einwanderung nichts von der EU vorschreiben lassen will, mittlerweile beschlossene Sache. Aber obwohl wir die Zollunion verlassen werden, ist es für sie offenbar selbstverständlich, dass britische Unternehmen auch in Zukunft ohne jegliche Zollschranken mit dem Kontinent handeln werden. Unter den Brexit-Anhängern hat sich der Irrglaube verbreitet, dass wir den EU-Partnern einen Gefallen tun, wenn wir überhaupt mit ihnen verhandeln, so nach dem Motto: Die brauchen uns viel mehr als wir sie.

ZEIT: Erklären Sie uns diese Sichtweise.

Mandelson: Die britische Handelsbilanz mit der EU ist traditionell negativ, wir importieren also mehr, als wir exportieren. Beispielsweise gehen acht Prozent aller deutschen Autoexporte hierher auf die Insel, und deswegen ist es für den Brexit-Minister David Davies ganz logisch, dass deutsche Autobauer sich früher oder später in Berlin für britische Interessen starkmachen werden, weil sie den zollfreien Zugang zu diesem wichtigen Absatzmarkt nicht aufs Spiel setzen wollen. Diese Einstellung ist mindestens naiv. Eher sogar ignorant. Denn die Wahrheit ist, dass ein Großteil deutscher Automarken Luxusgüter sind, und wer so viel Geld für ein Auto ausgibt, der wird sich im Zweifel nicht von ein paar Prozent Einfuhrsteuer abschrecken lassen.

ZEIT: Und die Regierung sieht das nicht?

Mandelson: Es klingt unglaublich, ich weiß, aber hier geht es nicht um pragmatische Verhandlungen und die Sicherung britischer Wirtschaftsinteressen. Stattdessen dominiert diese antieuropäische Ideologie. Nach Meinung von Außenminister Boris Johnson ist ein Handelsabkommen mit der EU am Ende gar nicht so wichtig, denn zur Not würde die britische Wirtschaft auch mit den Regeln und Zolltarifen der Welthandelsorganisation bestens gedeihen, meint er.

ZEIT: Wie würde dieses Szenario Ihrer Meinung nach aussehen?

Mandelson: Wenn Großbritannien keine Sonderbehandlung von der EU erwartet, wird es eines von vielen Ländern sein, das seine Produkte auf dem größten Binnenmarkt der Welt verkaufen will. Worüber die Brexit-Freunde nicht nachdenken, ist, wie sehr uns der Austritt langfristig schaden wird. Britische Universitäten und Forschungseinrichtungen gehören zur Weltspitze, weil wir Zugang zu EU-Fördermitteln haben und die besten Forschungstalente aus 27 Ländern zu uns holen können. Ohne diese Voraussetzungen zerstören wir die Grundlage für unseren wirtschaftlichen Wohlstand im 21. Jahrhundert.

ZEIT: Gibt es gar keine Hoffnung auf ein positives Ergebnis?

Mandelson: Man kann nur hoffen, dass die britische Regierung ihre Einstellung ändert, aber im Moment sehe ich keine Anzeichen dafür. Allerdings wird man sich über die Rechte von EU-Bürgern in Großbritannien und über die Rechte von Briten in anderen EU-Ländern wohl grundsätzlich einigen. In Großbritannien leben derzeit rund drei Millionen Menschen aus EU-Ländern, und knapp eine Million Briten lebt auf dem Kontinent. Das Schicksal dieser Menschen darf nicht zum Druckmittel in den Verhandlungen werden, und das, da bin ich mir sicher, wird auch nicht geschehen. Darüber hinaus könnte man sich bei der Frage einig werden, inwiefern die Banken in der City of London ihre Finanzprodukte auf dem europäischen Binnenmarkt weiterhin verkaufen dürfen. Hier gehe ich davon aus, dass es zumindest eine Übergangslösung geben wird. Weil eigentlich alle großen Banken London für ihr globales Geschäft brauchen.

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