Vier Tage nachdem das Vereinigte Königreich den Austritt aus der Europäischen Union beantragt hatte, zählte der britische Telegraph die Truppen. Das Ergebnis: Die Royal Navy ist auch nicht mehr das, was sie mal war, aber für eine Auseinandersetzung mit der spanischen Marine würde es noch reichen. "Spanien sollte aus der Geschichte gelernt haben, dass es nicht lohnt, sich mit uns anzulegen", zitiert die Zeitung einen früheren Admiral seiner Majestät.

Was wie die Parodie auf einen Historienfilm klingt, hat einen seriösen Hintergrund. Denn in den bevorstehenden Verhandlungen über den Brexit geht es auch um einen historisch und symbolisch aufgeladenen Ort – Gibraltar. Der Affenfelsen an der Südspitze der Iberischen Halbinsel, einst Schauplatz glorreicher Seeschlachten, gehört seit 1713 zum britischen Hoheitsgebiet und somit seit 1973 auch zur Europäischen Union.

Von dieser Mitgliedschaft hat Gibraltar in vielfacher Hinsicht profitiert. 40 Prozent aller Arbeitskräfte dort sind Berufspendler aus dem spanischen Umland; auch die meisten der jährlich zehn Millionen Touristen kommen aus der EU. Die Grenze zu Spanien, die bis 1969 geschlossen war, ist durchlässig geworden. Und obwohl die Enklave nicht förmlicher Teil des EU-Binnenmarkts ist, verfügt sie bislang über einen privilegierten Zugang. Hinzu kommen mehr als 70 Millionen Euro, die Gibraltar allein in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten aus EU-Fördertöpfen erhalten hat.

Kein Wunder, dass die rund 30.000 Briten, die dort leben, im vergangenen Jahr zu 95,9 Prozent für einen Verbleib ihres Landes in der EU gestimmt hatten – mehr als in jedem anderen Teil des Königreichs. "Die Gibraltarer waren und sind die enthusiastischsten Europäer, sie wären es gerne geblieben", hat ihr Regierungschef, Fabian Picardo, erst im Januar vor dem EU-Parlament versichert. Nun müssen sie trotzdem gehen.

Die Gibraltarer fürchten nicht nur die wirtschaftlichen Folgen des Brexit. Spanien hat in der Vergangenheit immer wieder provoziert und versucht, die 6,5 Quadratkilometer Land für sich zu reklamieren. Bisher fungierte die EU als Schlichter und Schutzmacht, wenn der Streit zu eskalieren drohte. Damit ist es nun vorbei. In den Brexit-Verhandlungen wird Brüssel einseitig die spanischen Interessen vertreten, Gibraltar hingegen muss sich auf London verlassen. Auch deshalb beginnt dort manch einer nun, die Truppen zu zählen. Und Premierministerin Theresa May versichert: Die Souveränität Gibraltars ist nicht verhandelbar.