Im Ghetto haben sie immer die schönsten Gardinen, könnte man denken, wenn man in so ein Viertel läuft. In ein Viertel, in dem man fast nie und wenn, dann nur zu Besuch ist. Und so fällt man als Leser in dieses Buch, Ellbogen, das vom Spiegel als "literarische Stimme der türkischen Neukölln-Mädchen" gefeiert und in der FAS verrissen wurde. Man schlägt die erste Seite auf, anders gesagt: schiebt die Gardinen beiseite – und schaut.

Was man sieht, ist zunächst wenig überraschend. Die Hauptfigur von Fatma Aydemirs Debütroman heißt Hazal, wird bald 18, wohnt im Wedding (nein, lieber Spiegel, nicht in Neukölln), ist in Berlin geboren, ihre Eltern sind Türken. Und weil sie in Berlin geboren ist und ihre Eltern Türken sind, hat sie die Probleme, von denen man als Außenstehender so denkt, dass sie sie haben muss: mit Kaufhausdetektiven, dem Patriarchat und so weiter. Natürlich führen ihre Eltern eine arrangierte und daher unglückliche Ehe, natürlich jobbt sie in der Bäckerei ihres Onkels, natürlich findet sie keinen anderen Job und verachtet die Deutschen, die sie "Kartoffeln" nennt.

Es fragt sich angesichts dieses Anfangs (in der zweiten Hälfte des Romans liegt die Sache anders, aber dazu später), warum sich die Autorin auf diese Narrativschablone eingelassen hat. Denn schreiben kann sie; in vielen Passagen ist die Figurenperspektive sorgfältig gestaltet und konsequent durchgehalten. Ihr Stil ist griffig, aber nicht übermäßig gefällig. Trotzdem stört irgendwas an diesem Authentizitätsgestus, auch wenn man kein Feind realistischer Erzählkonzepte ist. Merkwürdigerweise stört dieser Gestus auch da, wo er funktioniert. Vielleicht weil man dem Stil vor allem auf den ersten 150 Seiten nicht abnimmt, dass er wirklich aus Liebe zu der Welt entstanden ist, die er beschreibt. Stattdessen schleicht sich das Gefühl ein, da werde eine Absicht verfolgt.

Fatma Aydemir, 1986 in Karlsruhe geboren, Redakteurin bei der taz, kann fantastisch gut Menschen beschreiben. Zum Beispiel eine Kellnerin: "Sie hat die Figur einer Ballerina und bewegt sich wie ein dicker alter Mann, wenn sie zwischen den Tischen hin und her läuft. Ihr Schultern kleben fast an ihren Ohren." Die Genauigkeit von Aydemirs Beschreibungen, die regelrecht "Ich bin Literatur" rufen, kollidiert an manchen Stellen mit ihrem pingeligen Bemühen um eine authentische, personale Perspektive. Das reicht von der "gefälschten Michael-Kors-Tasche aus Antalya" bis zur Freundin Hazals, die Aydemir "Köln war voll erfunden von der Bild-Zeitung" sagen lässt. Braucht es beispielsweise wirklich die Beschreibung der Nasenhaare des Kaufhausdetektivs, der "kleine Kanaken jagt, weil sie ein einziges Mal versehentlich mit unbezahltem Kram aus dem Laden spazieren"? Braucht es die vertrocknete Ehefrau zu Hause? Der Roman hat sich, großes Wort, immerhin "Wahrhaftigkeit" auf die Fahnen geschrieben. Aber irgendwie wirkt es hier eher, als wolle die Autorin was loswerden. Nämlich linke Feindschablonen von sozial unterpriviligierten "Biodeutschen". Ironisch auch, dass der Roman ZDF-Problemfilm-Klischees produziert, während seine Hauptfigur sich genau darüber lustig macht.

Dabei geht es nicht einmal darum, ob es plausibel ist, dass die Figur so denkt. Es geht nur darum, wie anödend naheliegend das alles ist. "So ist es eben" ist kein literarisches Argument, denn Literatur ist nicht dazu da, "realistisch" Trivialitäten zu reproduzieren. Wenn sie das doch tut, wird sie – und das ist eigentlich eine Pointe des Entstehungsprozesses von Kunst im Allgemeinen – unfreiwillig verlogen. Denn eine scheinbar zutreffende Darstellung der Wirklichkeit, die sich aber total öde anfühlt, deutet nicht darauf hin, dass die Wirklichkeit öde ist. Vielmehr ist sie ein Zeichen dafür, dass der Wahrnehmung das Interessante entgeht, weil die Perspektive falsch gewählt ist.

Denkt man sich also, frisch in diese abgepackte Berlin-Wedding-Welt gestolpert, und dann kommt Hazal mit ihren Freundinnen nicht in einen Club hinein, der das Berghain sein könnte, begeht einen Mord, und nach dem Mord wird das Buch plötzlich ein anderes. An der Tötungsszene ist eine Parallele zum im letzten Jahr ebenfalls bei Hanser erschienenen Roman The Girls von Emma Cline interessant. In The Girls begeht eine Gruppe von Mädchen Morde, und wie in Ellbogen ist die Hauptfigur während des kritischen Momentes nicht anwesend. "Ich stoße ihn von hinten, mit beiden Händen, dem Handy hinterher." Hazal läuft weg, nachdem sie den Studenten auf die Gleise geschubst hat. Der Akt des Tötens wird nicht ausgelassen, wohl aber der Tod. Wäre es für das weitere Buch notwendig gewesen, zu lesen, wie die U-Bahn den Körper überrollt? Ist es Feigheit nicht der Figuren, sondern der Autorinnen, die Schlüsselszenen ihrer Romane nicht zu beschreiben – oder weise Zurückhaltung? Denn so ist Hazals Gewalttat tragisch, weil sie durch ihre Randexistenz als Migrantenkind dazu determiniert ist. Der Tod darf nicht erlebt und beschrieben werden, weil man sonst keine Empathie mehr für die Figur aufbringen könnte, womit die Opferrolle nicht mehr funktionieren würde. Denn dieser Tod ist eben genau das, was sie mit lähmender Endgültigkeit schuldig macht.

Hazal flieht nach Istanbul, und der zweiten Hälfte des Buchs kann man nichts von dem vorwerfen, was angesichts der ersten durchaus zur Debatte steht. Die Wut, mit der Hazal ihren Totschlag und ihre Flucht verteidigt, ist wunderschön und, ja, wahrhaftig. "Mir tut es überhaupt nicht leid", sagt sie ihrer Tante: "Wenn ich die Sache wieder erleben würde, würde ich es vielleicht nicht wiederholen. Weil der Typ uns das Leben versaut hat, uns allen dreien. Aber nur deswegen." Man fühlt sich den Figuren nah und versteht auch, was dieses Buch wollte, verschüttet unter dem Bemühen, jetzt der Migrantenkinder-Roman zu sein, der auch ja alle Diskursfelder seiner Kartoffel-Klientel abdeckt. Nämlich die angebrachte Entrüstung und den Aufbruch derer zu zeigen, die gerade erwachsen werden, egal, woher sie kommen, egal, wohin es sie treibt in diesem Europa im Umbruch. "Ich öffne die Augen, sehe ein Stück Nacht und lächle mir selbst zu", schließt Aydemir Hazals Geschichte, und es ist klar: Ellbogen ist besser als sein Anfang. Seine letzten Seiten sind sogar so aufregend, dass man sich wünscht, das Buch ende nicht, sondern fange da erst an. Vielleicht fängt es ja da auch erst an.

Fatma Aydemir: Ellbogen. Roman;
Hanser Verlag, München 2017; 272 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €