Probieren Sie jetzt bitte nicht aus, ob Sie es auch krachen lassen können. All die Menschen, die sich gerade in Ihrer Nähe befinden, werden es Ihnen danken. Denn das Geräusch, das Fingergelenke machen, wenn sie auseinander gezogen werden, löst einen ähnlich unangenehmen Schauder aus wie das Kratzen von Fingernägeln auf einer Tafel. Was sicher auch daran liegt, dass man sich unwillkürlich in das Gelenk hineinversetzt, sich vorstellt, wie Sehnen gedehnt werden, wie Gelenkfläche auf Gelenkfläche ... Wir wollen hier nicht weiter ins Detail gehen.

Der Radiologe Robert Downey Boutin von der University of California in Sacramento aber wollte genau das. Mit seinen Kollegen erkundete er, ob es gesundheitliche Folgen hat, wenn man die Finger auseinanderzieht und es knacken lässt. Sie waren nicht die Ersten: Andere Mediziner waren bereits vor Jahren zu der Erkenntnis gelangt, Fingerknacken könne die Funktion der Hand einschränken – und rieten in der Folge davon ab. Eine schlechte Nachricht für all die Menschen mit der besonderen Fähigkeit; bis zu 45 Prozent sollen sie beherrschen.

Doch diese Studie hatte Mängel. Boutin nahm sich die Frage daher erneut vor. Er suchte sich vierzig Probanden. Davon ließ er dreißig mit den Fingern knacken, zehn dienten als Kontrollgruppe. Alle mussten Bögen ausfüllen, in denen sie etwa nach Schmerzen und Beweglichkeit ihrer Finger gefragt wurden. Zudem wurden sie genau untersucht, bevor sie an den Fingern zogen und danach. Währenddessen beobachteten Boutin und seine Kollegen mit einem Ultraschallgerät, was in den insgesamt 400 Gelenken vor sich ging.

Vor Kurzem veröffentlichten sie die Studie. Geht es nach ihren Ergebnissen, müssen Knacker nicht von ihrer Angewohnheit lassen und zum Nägelkauer oder Daumenlutscher werden. Zumindest kurzfristige gesundheitliche Folgen sind nicht zu befürchten. Weder Beweglichkeit noch Geschicklichkeit oder Kraft der Finger litten unter dem Krachen.

Wäre das also schon mal geklärt. Vor allem eine Frage aber bleibt: Was genau führt zum Gelenkknacken? Hypothesen dazu gibt es schon lange. 1947 veröffentlichten zwei Forscher eine Arbeit, in der sie jenen Moment als den entscheidenden beschrieben, in dem die Gelenkflächen im Finger auseinandergezogen werden. Genau dann nämlich entstehe ein Hohlraum, eine Art Vakuum. Das erzeuge das Knackgeräusch.

24 Jahre hatte diese Theorie Bestand, 1971 kamen Zweifel auf: Eher sei das In-sich-Zusammenfallen dieser Blase verantwortlich, schrieben Knackforscher. Es folgten weitere Theorien über mögliche Ursachen. Unter Verdacht gerieten zum Beispiel zurückschnappende Gelenkbänder.

Dann kamen der US-Mediziner Greg Kawchuk und sein Team 2015 aufgrund einer eigenen Untersuchung zu dem Schluss, dass die alte Theorie von 1947 den Knackvorgang ganz gut beschreibe. Sie hatten die Hand ihres Kollegen Jerome Fryer in einen speziellen Kernspintomografen gelegt und Aufnahmen angefertigt, sobald ein an Fryers Fingern befestigtes Seil gezogen wurde und diese knacken ließ. Auf den Bildern konnte man erkennen, dass sich tatsächlich ein Hohlraum bildete, kurz bevor ein Geräusch zu hören war.

Allerdings wurde die Ursache nur bei diesem einen Probanden geklärt – das Resultat kann daher nicht als allgemeingültig bezeichnet werden. Doch sollte es bei anderen Knackern so oder ähnlich ablaufen (was nicht unwahrscheinlich ist), sollten also weder zurückschnappende Sehnen noch aufeinandertreffende Gelenkflächen verantwortlich sein, sondern ein entstehendes Vakuum – dann könnte eine weitere offene Frage mit Nein beantwortet werden: Zeitigt das Knacken Langzeitfolgen?

Und irgendwann lässt sich hoffentlich auch die für Nichtknacker alles entscheidende Frage klären: Warum nur ist das fiese Geräusch so laut, dass es zig Meter entfernt zu hören ist?

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