Toll, was man alles weglassen kann. "Kein Umziehen, kein Schwitzen, kein Duschen!", preist die Werbung das neue Sportkonzept "Bizzfit". Zwanzig Minuten in einem kleinen Fitnessstudio genügen, schon ist der Körper fit wie ein Turnschuh – den man dafür noch nicht einmal mehr braucht.

Beschlipst, beblust und beblazert huschen Menschen dieser Tage in der Mittagspause oder zwischen zwei Meetings an die Geräte. Dank sehr langsam ausgeführter, intensiver Kraftsporteinheiten, die in einem auf 17 Grad heruntergekühlten Raum unter den Augen eines Personal Trainers ausgeführt werden, schwitzt ihr Körper dabei nicht.

Mit dem diskreten Sport löst sich nicht nur ein, was der etwas alberne Begriff Work-out implizierte: Sport und Arbeit werden eins. Vorbei die Zeiten, in denen ein vergessener Turnbeutel als Ausrede genügte, um vom Sport "befreit" zu werden.

Zuletzt zeugten immer effektivere Antitranspirantien aus der Apotheke und 72-Stunden-Deos von Bastian Schweinsteiger vom Traum einer schweißfreien Gesellschaft. Der Sport ohne Schwitzen lässt ihn nun wahr werden. Tomatenrote Gesichter, glasiert mit dem eindeutigen feuchten Film aus Abermillionen von Poren, die den Menschen demütigten, weil sie ihn auf seine körperliche Hülle reduzierten – passé.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es geht keineswegs um das Ende des Leidens. Dem neuen, schweißfreien Menschen soll die Plackerei nur nicht mehr anzusehen sein. Wie von selbst, quasi magisch, setzt der hypereffiziente Mittagspausensportler dem alltäglichen Ohnmachtskreislauf im Leben eines Büroangestellten (Konferenz, Kantine, Konferenz, Kantine) einen Ausgleich entgegen.

Vermutlich musste es so kommen. In einer hoch zivilisierten Gesellschaft, in der sich Servicekräfte auch noch für den nervigsten Arbeitsauftrag lächelnd mit "sehr gerne" bedanken, überrascht es wenig, dass nun auch der Körper nicht mehr gegen die ihm angetanen Zumutungen rebellieren soll.

Mit dem Schweiß fällt die letzte Enklave verpönter Körperlichkeit. Der aseptisch vollzogene Sport bildet den Endpunkt einer Entwicklung, die die Physis in all ihrer Widerspenstigkeit zur Ausnahme macht. Klinisch rein ist die Normalität, wo es tropft, beginnt das Exotische.

Die Haare machten den Anfang. Am Körper restlos epiliert, bilden Bärte mittlerweile die edle Kür. Längst sind sie kein wild wucherndes Stoppelfeld mehr, sondern ein Modestatement, einem feinen Accessoire ähnlich, in Länge und Form liebevoll abgestimmt aufs jeweilige Baumwolljäckchen. Als Nächstes wird die Haut bearbeitet. Durch spezielle Bleaching-Verfahren mit Natron oder Wasserstoffperoxid werden die Achselhöhlen hell gefärbt, "im Sommer ein Muss", weiß die Frauenzeitschrift.

Das Wild-Körperliche soll zwar im Alltag so unsichtbar wie möglich sein. An anderer Stelle wird die geballte Kraft der Natur jedoch zum exponierten Symbol. Blut trieft in Hochglanz aus Fleischstücken in Magazinen, die in spezialistischen Diskursen das Wesen von Grillgut diskutieren. Im Internet geben Frauen seit einiger Zeit mit ihrem Menstruationsblut an. Schweiß rinnt von fest entschlossenen Gesichtern, die Proteinshakes und Sportbekleidung vermarkten.

Als bewusst gesetztes Signal der Reklame, der Kunst oder als politisches Statement funktioniert das Archaische bestens, nur eins darf es eben nie sein: natürlich.

Was steckt dahinter? Scham, Selbstekel, Sauberkeitswahn? Ist es uns vielleicht einfach peinlich geworden, durchs Schwitzen an den Affenmenschen erinnert zu werden; daran, dass wir unser wahres Wesen nur mühsam hinter zivilisatorischen Errungenschaften verstecken?

"Sauber ist schön und gut", schrieb der Schriftsteller Christian Enzensberger in seinem Buch Größerer Versuch über den Schmutz. "Sauber ist hell brav lieb. Sauber ist oben und hier. Schmutzig ist hässlich und anderswo." Fünfundzwanzig körperliche Aussonderungen zählte Enzensberger und fand am Ende noch eine weitere: "Die sechsundzwanzigste Aussonderung des Menschen ist er selbst."

Will heißen: Man wird sich einfach nicht los.

Schweiß ist kein Schicksal, zumindest nicht mehr im Fitnessstudio. Das Menschsein aber schon.