Die zivilgesellschaftliche Seenotrettung im Mittelmeer steht unter Druck. Bezugnehmend auf Frontex-Chef Fabrice Leggeri haben Medien und Politiker scharfe Vorwürfe erhoben: Seenotrettung sei Beihilfe zur Schlepperei und führe zu mehr Todesfällen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch: Weniger Rettung wäre fatal.

Seit Frontex-Direktor Leggeri Ende Februar in einem Interview in der Welt ankündigte, die Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer "auf den Prüfstand" zu stellen, sind zivilgesellschaftliche Rettungsorganisationen verstärkt unter Beschuss geraten. Österreichs Außenminister Sebastian Kurz will den "NGO-Wahnsinn im Mittelmeer" beenden, der Staatsanwalt von Catania kündigte Ermittlungen gegen die zivilen Retter an. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen – Friedensnobelpreisträgerin und eine der zentralen zivilen Akteure im Mittelmeer – warf Leggeri daraufhin vor, Menschenleben als Abschreckungsmittel einzusetzen: "Will er uns vorschlagen, wir sollten uns weiter aus der Zone auf dem Mittelmeer zurückziehen, wo das Risiko zu ertrinken am größten ist, nur um Menschenschmuggel schwieriger zu machen? Sollen wir die Menschen einfach ertrinken lassen?"

In der aktuellen Kontroverse gerät aus dem Blick, dass eine fast identische Debatte bereits vor etwa drei Jahren stattgefunden hat. Im Herbst 2013 hatte die italienische Regierung die Rettungsmission Mare Nostrum gestartet. Innerhalb eines Jahres wurden dabei über 130.000 Personen aus Seenot gerettet. Die Schiffe der italienischen Marine und Küstenwache patrouillierten bis an die territorialen Gewässer Libyens. Bald aber geriet die Mission in die Kritik: Sie würde zu mehr Überfahrten anregen, Schlepper ermutigen, seeuntüchtige Boote einzusetzen, und damit letztendlich zu mehr Toten führen. Innenminister Thomas de Maizière bezeichnete Mare Nostrum als "Brücke nach Europa", Joyce Anelay, Staatsministerin im britischen Außenministerium, sprach von einem "unbeabsichtigten Anziehungseffekt".

Die Kritik trug dazu bei, dass Mare Nostrum beendet und durch die wesentlich geringer ausgestattete Frontex-Mission Triton ersetzt wurde. Um die "Abschreckungshypothese" zu prüfen, verglichen wir die Ankunfts- und Todesraten vor und nach dem Ende Mare Nostrums. Weil die Zahl der Ankünfte saisonbedingt ist, bezieht diese sich nur auf vergleichbare Perioden. Zur Zeit des Mare-Nostrum-Programms summierte sich die Zahl der Ankünfte auf 45.446, während etwa einer aus 49 Flüchtlinge bei der Überfahrt starb. Während der ersten Phase der Frontex-Operation Triton, als die Seenotrettung also wesentlich schlechter ausgestattet war, erhöhte sich die Zahl der Ankünfte auf 63.637 – ebenso stieg die Todesrate auf 1 aus 36. Die Abwesenheit professioneller Seenotrettung führte also nicht zu weniger Migration, machte aber die Überfahrt wesentlich gefährlicher.

Dass durch professionelle Seenotrettung Tote verhindert werden können, wird weiterhin von einer Studie der Goldsmiths, University of London unterstützt. Sie untersuchte jene Schiffskatastrophen, die während des Seenotrettungs-Vakuums im Frühjahr 2015 stattfanden. Nach dem Ende Mare Nostrums mussten Rettungseinsätze häufig von großen kommerziellen Frachtern übernommen werden, die dazu – wie alle anderen Schiffe auch – nach Seerecht verpflichtet sind, jedoch weder über das Personal noch die Ausstattung für schwierige und gefährliche Rettungsoperationen verfügen. Am 12. April 2015 ertranken etwa 400 Menschen, nachdem ihr Schiff bei einem gescheiterten Rettungsversuch kenterte. Nur sechs Tage später starben schätzungsweise 800 Menschen bei einem ähnlichen Unfall: Diesmal kollidierte ihr überfülltes Boot nachts mit einem Containerschiff, das von der italienischen Küstenwache zur Rettung herbeigerufen wurde. Die detaillierte Rekonstruktion der forensischen Ozeanografen zeigt, dass diese "tödlichen Rettungen" eine direkte Folge der EU-Entscheidung waren, den Rettungsradius sowie die Rettungsmittel deutlich zu begrenzen.

Selbst EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gestand 2015 ein: "Es war ein schwerer Fehler, Mare Nostrum zu beenden, das hat Menschenleben gekostet." Aufgrund dieser Erkenntnis wurde die Operation Triton im Juni 2015 wesentlich aufgestockt; Frontex beteiligt sich seither wieder an der Seenotrettung. Ab diesem Zeitpunkt nahmen auch die zivilen Seenotrettungsorganisationen ihre Arbeit auf, die derzeit ausgerechnet von Frontex kritisiert werden. Unsere Analyse bestätigt, dass die Todesrate seitdem deutlich geringer ausfiel, obwohl sie mit 1 aus 56 Überfahrten noch erschreckend hoch ist. Entgegen der Anziehungshypothese konnte kein Anstieg der Ankünfte festgestellt werden.

Implizit nehmen die Kritiker ziviler Seenotrettung das Sterben von Menschen in Kauf – als notwendiges Übel zur Bekämpfung irregulärer Migration. Das ist nicht nur ethisch und völkerrechtlich unhaltbar, die Erfahrung der Vergangenheit zeigt, dass es nicht einmal zielführend ist. Bei der Situation im Mittelmeer handelt es sich für Soziologen um ein sogenanntes wicked problem, ein Problem ohne einfache Lösung. Die Erfahrung zeigt, dass verzweifelte Menschen ihr Leben aufs Spiel setzen, solange ihnen keine sicheren Alternativen geboten werden. Die aktuelle Kritik, zivile Seenotrettung sei für die humanitäre Katastrophe im Mittelmeer mitverantwortlich, verfehlt nicht nur den Kern des Problems, sie entbehrt auch jeglicher empirischer Grundlage.