Der Feminismus des Jahres 2017 besteht zu 86 Prozent aus Baumwolle und zu 14 Prozent aus Leinen; er ist weiß, hat einen Rundhalsausschnitt und kostet 550 Euro. Vorne über der Brust steht: "WE SHOULD ALL BE FEMINISTS". Das T‑Shirt ist eine Kreation von Dior, das erste Mal war es im vergangenen September auf der Fashion Week in Paris zu sehen, und es dauerte nicht lange, bis sich viele Modeblogger und Celebrities damit schmückten: Popstar Rihanna posierte mit dem T-Shirt auf Instagram (1.760.144 Likes), bei Schauspielerin Natalie Portman spannte es während der großen Frauen-Demo in Washington über dem Babybauch, Schauspielerin Jennifer Lawrence zog es fürs Cover der Februar-Ausgabe von Harper’s Bazaar in Deutschland an. "Dieses Dior-Shirt tragen jetzt alle Modefrauen", resümierte das Modemagazin Elle.

Schön, dass der Feminismus schick wird – so könnte man denken. Doch tatsächlich sollte die höchste Alarmstufe herrschen, wenn eine politische Idee auf 22 Großbuchstaben für 550 Euro reduziert wird und damit eine Kampfbewegung zum Kommerz verkommt.

Feminismus wollte unerträglich sein. Aber nun ist er tragbar geworden, schlimmer noch: Feminismus ist Trend. Feminismus ist das neue Che-Guevara-Konterfei, der Palästinenserschal, die mit Nieten besetzte Punk-Lederjacke. Feminismus ist jetzt massentauglich und vermarktungsfähig.

Nicht nur Dior liefert ihn von der Stange. Vom schwedischen Modelabel Acne gab es schon im Jahr 2015 Pullis und Schals mit "Radical Feminist" -Aufdruck zu kaufen, auch für Männer. Die Modekette H&M zeigte vergangenen Herbst einen Werbespot fernab des gephotoshopten Hochglanz-Frauenbildes (für das sie sich sonst in ihren Kampagnen gerne entscheiden, siehe die jährliche Unterwäsche-Werbung): Die Models trugen Haar unter den Achseln, hatten mal definierte Bizepse, mal nichtdefinierte Bäuche, saßen breitbeinig in der U-Bahn.

Sogar der Autohersteller Audi warb beim diesjährigen Super Bowl mit der Gleichstellung von Mann und Frau. In dem 60-Sekunden-Spot fährt ein Mädchen allen davon. Das Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr hat kürzlich das F-Mag gelauncht, ein feministisches Magazin. Aus Edinburgh kommt das "erste feministische Parfüm", so wird es angepriesen, Damn Rebel Bitches . Für diejenigen, die sich 50 Milliliter für 75 Pfund kaufen, riecht Feminismus nach Blutorange, Haselnuss, Rosa Pfeffer, Römischem Salbei und Malz. Auch von Stella McCartney gibt es einen Female-Empowerment-Duft, Pop, "ein unverkennbar weiblicher Duft, der ein echtes Statement ist, ohne übermächtig zu sein", heißt es in der Produktbeschreibung.

Und das soll frau gut finden? Feminismus ist kein Parfüm, das mal eben so aufgetragen wird – und das schnell wieder verfliegt. Motto-Shirts passen zu Junggesellenabschieden, Feminismus aber hat nichts damit zu tun. Genauso wenig, wie er ein Hashtag ist, mit dem sich die schön gefilterten Bilder des Lebens verschlagworten lassen. "Join the movement!", postete Dior unter einem der T-Shirt-Fotos auf Instagram. Die feministische Bewegung bestand anschließend aus 537 Kommentaren, "WANT IT!", war da zu lesen (gemeint ist das T-Shirt), und sonst waren viele, viele Emojis zu sehen: rote Herzen, rosa Herzen. Kampf sieht anders aus.

Es gibt Menschen, die kein Problem damit haben, 550 Euro für ein Stück Stoff auszugeben – weil sie es können. Gemeint ist die Schicht der sehr Wohlhabenden, die vornehmlich weiß ist und gut gebildet. Und die anderen, die wahrhaft benachteiligten Frauen in der Mitte der Gesellschaft? Es tut mir leid: Sich auf einem 550 Euro teuren T-Shirt zum Feminismus zu bekennen ist dekadent.