Wo immer man hinblickt: Mangos. Mangos in Säften, Mangos in Hauptgerichten, Mangos in Süßspeisen. Ein Mango-Lassi lässt man sich gern gefallen – schließlich kommt die Frucht ursprünglich aus Indien –, aber jetzt geht es ans Eingemachte, womit nicht Mango-Chutney, Mango-Relish oder Mango-Maracuja-Konfitüre gemeint sind, sondern dass die Mango in Sauerkraut und Käsekuchen eingewandert ist. Da hat man den Salat. In dem natürlich auch längst die Mango "das gewisse Etwas" liefern soll.

Um in dieser Mango-Manie eine Dekadenz spätrömischer Ausmaße zu erkennen, muss man kein AfD-Sympathisant und auf kulturelle Reinheit aus sein. Es reicht, einen nüchternen Blick auf die CO₂-Bilanz dieser Frucht zu werfen. Sie gilt als äußerst anspruchsvoll in der Aufzucht, ist druckempfindlich und macht sich deshalb im Transport mit Polsterungen breit. Wird sie grün geerntet und per Schiff verschickt, reift sie meist mangelhaft nach. Deshalb steigt, wer es sich leisten kann, auf Flugmangos um, was auch die CO₂-Bilanz in ganz andere Höhen treibt.

Der Umweltaspekt nervt die Galeristin Julia Waldmann. Was sie noch mehr nervt: die Frucht selbst. Sie hat eine Aversion, eine ausgewachsene. Dieses Glitschige und Glibberige, wenn man sie schält! Und dieser Spülmittelgeschmack! Waldmann schien die Zeit reif, überreif zum Handeln: No Mango Please! So heißt die Gruppen-Ausstellung, die jetzt in ihrer Galerie zu sehen ist.

Waldmann ist Agentin für Werbefotografen und hat Bekannte aus ihrer Branche und befreundete Designer zusammengetrommelt. Man hat es hier also nicht mit Kunstmarkt-Kunst zu tun, sondern mit Liebhaberei, ausgelöst vom Hass auf, nun ja, die Mango.

Kaum betritt man die Galerie, steht da eine aufragende Holzskulptur, zu deren Füßen ein paar Mangos liegen. Die sind fabriziert aus ineinandergesteckten farbigen Luftballons und geben erstaunlich gut die Gelb-Rot-Grün-Tönungen der Frucht wieder. Die Skulptur aus vernagelten Latten soll einen Mangobaum darstellen. An der Wand dahinter hat derselbe Künstler, Christoph Himmel, drei Fotografien platziert, auf denen seine aufgeblasenen Mangos in hiesigen Wäldern hängen.

Der AfDler würde nun sagen: Seht her, Fremdkörper! Aber das wäre ein kruder Fehlschluss, denn Mangos zwischen Tannenzweigen sehen toll aus, besser als Weihnachtsschmuck. Problematisch ist nur, dass gemeinhin niemand weiß, wie ein Mangobaum in Wirklichkeit aussieht, und dass auch niemand weiß, wie Mangos angebaut werden: Wer profitiert und wer trägt die Kosten, beispielsweise, wenn für die Anbauflächen Regenwald abgeholzt wird? Ahnungslosigkeit in der globalisierten Welt ist keine kleine Sache, darauf scheint Christoph Himmel hinweisen zu wollen. Ahnungslosigkeit ist die Voraussetzung, dass die Welt so ist, wie sie ist, nämlich weitgehend kaputt.

So explizit politisch gehen andere Künstler mit der Mango nicht um. Julia Waldmann hat es ihnen freigestellt, sich der Frucht "in Ablehnung, Zuneigung oder absoluter Indifferenz" anzunehmen. Zuneigung oder gar Indifferenz finden sich in den Bildern allerdings nicht. Die Fotografin Hayley Austin hat einen Mann abgelichtet, der eine Mango schält und dabei schlecht aussieht. Ruben Riermeier verschafft der Blutorange einen großen Auftritt – als Alternative zur Mango. Und Maya Darli nimmt das Motto NO MANGO PLEASE einfach wörtlich. Sehr böse illustriert sie andere Dinge, die das Leben nicht besser machen: Burger-Läden, Katzen-Wahn, Selfie-Hysterie.

Die Ausstellung verschweigt nicht die Verführungskraft der Mango, ihre fruit porn-Tauglichkeit. Annekathrin Schreiber, Anne-Laure Robin und Caro Mantke haben einen großen knallbunten Schrein in einer Ecke aufgebaut, auf dem entblößte Körperteile, Mangos und andere Früchte frech durcheinanderwirbeln, der Titel: Holy Tutti Frutti! Ein andermal wird ein Gaugin-Motiv entfremdet, die Südsee-Frauen des Malers tragen Hipster-Brillen im Gesicht und eine Schale Mangos vor der entblößten Brust.

Einer noch größeren Verführbarkeit ist Silke Baltruschat auf der Spur. Ihre Collagen zeigen ein Mao-Bildnis mit einem Mango-Zinken im Gesicht. Da denkt man an Verulkung: Hatte Mao eine Kartoffelnase? Tatsächlich entwickelte sich unter Mao ein Kult um die Frucht, die einem das Lachen vergehen lässt. Nach der Kulturrevolution bekam Mao eine Kiste Mangos aus Pakistan geschenkt. Er ließ die in China unbekannten Früchte an Arbeitertrupps schicken, die sich gerade revolutionär bewährt hatten. Das Geschenk sorgte für Begeisterung: Die Mao-Mangos wurden mit Formaldehyd konserviert, unter Glas gestellt und verehrt. Eine Mango-Devotionalien-Industrie begann zu florieren, mit Mangos aus Wachs, mit Mango-Aufdrucken auf Bettwäsche, mit Broschen in Form von Mangos. Nur die Frucht selbst kam nicht mehr ins arme Land. Ein, zwei Jahre hielt sich der Kult, dann fiel er in sich zusammen.

Könnte es wieder so kommen, diesmal weltweit? Das fragt man sich vor einer visionären Fotografie, die Stefan Thurmann aus Kapstadt geschickt hat. Man sieht einen verwitterten Gitterstuhl vor einer kargen weißen Wand, von links ragt irgendein Palmengewächs ins Bild. Die Mango ist abwesend und anwesend zugleich: in Form der typischen Netz-Umhüllung, die vor dem Stuhl liegt, auf dem wohl vor einiger Zeit jemand saß, der die Frucht ... Um es kurz zu machen: Das Thema ist gegessen.

Hinweis der Redaktion: Die Fotografin Hayley Austin wurde in diesem Text zunächst versehentlich als Fotograf bezeichnet. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.