Der Mann ist Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle. Er ist der erste deutsche Gehörlose, der in Chemie promoviert hat. Für seine Forschung zum Verhalten kleinster Moleküle hat der 40-Jährige mehrere Preise gewonnen, und das, obwohl er als Physiker in der Chemie forscht. Das Gespräch mit der ZEIT findet unter den gleichen Bedingungen statt wie die Kommunikation mit anderen Forschern: Zwei Gebärdensprachdolmetscher übersetzen. Während der Unterhaltung formen die Finger von Ingo Barth und seinen Dolmetschern Gesten, spreizen sich, kreisen und fliegen durch die Luft.

DIE ZEIT: Herr Barth, wie unterscheidet sich Ihr Alltag von dem anderer?

Ingo Barth: Mein Alltag ist wesentlich weniger spontan als bei einem Hörenden. Ich kann mich nicht mal eben zu einem Gespräch mit jemandem treffen. Jedes Mal brauche ich dafür einen meiner Dolmetscher. Und die haben auch nicht immer Zeit, weil sie Freiberufler sind und keiner von ihnen hier in Halle wohnt. Das bedeutet, ich muss wahnsinnig viel organisieren. Wenn ich einen Vortrag halte, muss ich nicht nur mich vorbereiten, sondern auch meine Dolmetscher.

ZEIT: Forschen Sie denn anders als Ihre hörenden Kollegen?

Barth: Nein, das glaube ich nicht. Ich bin theoretischer Chemiker, sitze also viel im Büro, lese viel und mache mir mit Tafel und Stift so meine Gedanken. Solange ich mit meinen Formeln und Zahlen allein bin, bin ich also vollkommen frei. Da brauche ich keinen Dolmetscher.

ZEIT: Bei unserem Gespräch hier helfen uns zwei Dolmetscher. Wieso eigentlich zwei?

Barth: Je länger das Gespräch dauert, desto mehr schwindet bei ihnen die Konzentration. Deswegen hilft es, wenn sie sich abwechseln können. Außerdem ist das Thema, über das ich rede, komplex. Beide Dolmetscher haben zwar ein Studium für das Gebärdensprachdolmetschen abgelegt, aber keinen Physikhintergrund.

ZEIT: Wie schwer ist es denn für Sie als Dolmetscher, Herr Wiebel und Frau Schmegel, Quantenphysik und theoretische Chemie in Gebärden auszudrücken?

Ralf Wiebel: Ich begleite Herrn Barth schon seit zehn Jahren, und es wird mit der Zeit einfacher. Trotzdem ist und bleibt es jedes Mal eine Herausforderung, vor allem wenn es in die Tiefen der Quantenphysik geht.

Andrea Schmegel: Ich bin erst seit drei Jahren dabei. Natürlich kommt es immer mal wieder vor, dass man beim Dolmetschen ins Schwimmen gerät. Aber es ist auch spannender, als jemanden einfach zum Arzt zu begleiten.

ZEIT: Müssen Sie denn etwas von der Materie verstehen, um es zu übersetzen?

Schmegel: Zumindest so weit, dass man es dolmetschen kann. Aber die Themen wirklich in der Tiefe zu begreifen, das geht nicht.

Wiebel: Wenn jemand anders einen fachfremden Vortrag hält, wird es schwierig. Da muss man manchmal einfach versuchen, es irgendwie zu übertragen. Das fühlt sich nicht immer gut an, aber mit viel Buchstabieren und einigen Hilfsgebärden geht das schon irgendwie. Wichtig ist, dass Herr Barth es versteht.

ZEIT: Lernen Sie durch das Dolmetschen manchmal etwas über die Wissenschaft?

Wiebel: Ja, ab und zu wird das Dolmetschen dadurch zu einer Mathematik- oder Physikstunde, und das macht schon Spaß.

Barth: Ich versuche auch immer wieder Rätsel einzustreuen und das Interesse zu wecken. Vor einiger Zeit ging es darum, was passiert, wenn ein Seil stramm um den Erdball gespannt und dann um einen Meter verlängert wird. (Barth hält beide Fäuste vor sich gestreckt und zieht sie auseinander, als würde er ein Seil spannen.) Könnte eine Katze unter dem Seil durchschlüpfen? (Er zieht imaginäre Schnurrbarthaare vor seinem Gesicht lang.)

ZEIT: Und, könnte sie?

Barth: Ja.

ZEIT: Wie haben Sie denn selbst Ihre Liebe zur Physik und den anderen Naturwissenschaften entdeckt?

Barth: Meine beiden Eltern sind ebenfalls gehörlos. Mein Vater war nachts öfter mit mir draußen, und da haben wir uns die Sterne angeschaut. Er hat mir erklärt, wo welcher Stern steht, was davon der Große Wagen ist und was bei einer Mondfinsternis passiert. Mein Vater war kein Naturwissenschaftler. Er war Werkzeugmacher, weil es damals in der DDR wenig Möglichkeiten für Gehörlose gab. Aber trotzdem hat er sich wahnsinnig stark für diese Themen interessiert. Dass auch er gehörlos war, war mein Glück, sonst hätte ich all dieses Wissen nie bekommen. Der Traum meines Vaters war, dass ich Wissenschaftler werde.

ZEIT: Sie haben Abitur gemacht, ein Physik-Diplomstudium abgeschlossen, in Chemie promoviert. Wann auf diesem Weg haben Sie die erste Hürde gespürt, weil sie gehörlos sind?

Barth: Das fing schon in der Schule mit der Mathematikolympiade in der DDR an, weil ich bei Textaufgaben oft den Inhalt nicht verstanden habe. Bei allem, was mit Formeln und Zahlen zu tun hat, habe ich nie mein Handicap gespürt. In der Welt der Zahlen herrscht eine universelle Sprache. Aber sobald deutscher Text dazukam, stieß ich an Grenzen.

ZEIT: Wie konnten Sie diese Herausforderungen meistern?

Barth: Hätte es den Mauerfall nicht gegeben, hätte ich nicht studieren können, denn in der DDR konnte man als Gehörloser nicht ohne Weiteres studieren. Meinen Doktorvater musste ich davon überzeugen, mich als Doktorand aufzunehmen, sonst hätte meine Karriere nach dem Diplom geendet.

ZEIT: Inwiefern mussten Sie Ihren Doktorvater überzeugen?

Barth: Beim ersten Mal habe ich mich nur schriftlich beworben und wurde abgelehnt. Ich wollte aber die Stelle unbedingt, habe es also noch mal versucht. Schließlich lud er mich zum Gespräch ein. Wir einigten uns auf eine Probezeit, und als er relativ schnell merkte, dass die Leistung stimmt, bin ich sein Doktorand geworden. Später erfuhr ich, dass er Bedenken wegen meiner Gehörlosigkeit hatte.

ZEIT: Aber ist das nicht frustrierend, mehr als die anderen machen zu müssen, um das Gleiche zu erreichen?

Barth: Das war immer schon so. Heute bin ich meinem Doktorvater wahnsinnig dankbar, dass er dieses Experiment gewagt hat. Außerdem war seine Gruppe sehr bunt, Leute aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Religionen waren da vertreten. Es gab sehr viel Toleranz. Allerdings riet er mir davon ab, Professor zu werden. Weil natürlich Schwierigkeiten auf mich zukommen, wenn ich eine Vorlesung halten soll. Aber ganz ausschließen will ich nicht, dass ich das noch versuche.

ZEIT: Zurzeit leiten Sie eine Forschungsgruppe, also müssen Sie auch Leute anleiten, viel kommunizieren und mitunter lehren. Wie funktioniert das?

Barth: Es geht besser als gedacht. Ich habe zwei Mitarbeiter, und wenn die eine Frage haben, dann klären wir das per Mail oder an der Tafel in meinem Büro. Und ansonsten genieße ich es sehr, dass ich derzeit nicht das frühere Nomadenleben als Jungforscher führen muss.

ZEIT: Glauben Sie, dass manche Sachen leichter in der Gebärdensprache zu erklären sind?

Barth: Ja, zum Beispiel das Set-up eines Experiments. In der Schriftsprache oder bei einem Vortrag muss man lange erklären, von wo aus man wie auf die Apparatur schaut. Ich dagegen kann gewissermaßen aus dem Nichts mit Gebärden ein Experiment aufbauen.

ZEIT: Fällt es Ihnen auch leichter, sich gewisse Dinge in der Physik vorzustellen, wie zum Beispiel die Raumzeit?

Barth: Sicherlich. Die Zeit ist in der Gebärdensprache eine weitere Linie im Raum. Wenn ich sagen möchte, dass etwas in der Vergangenheit liegt, dann zeige ich einfach hinter mich. Und die Zukunft: Die liegt vor mir. Die Zeit sich als weitere Dimension vorzustellen ist so gesehen nichts Besonderes für mich.

ZEIT: Dennoch gibt es in den Naturwissenschaften wenige Gehörlose. Sie waren ja der erste Gehörlose, der in Chemie promovierte – deutschlandweit. Woran liegt das?

Barth: In den Sozialwissenschaften ist das oft ein wenig einfacher, da gibt es mehr gehörlose Professoren. Aber in Physik, in Mathe und Chemie ist man die krasse Ausnahme. Man muss gewissermaßen in ein Becken springen, in dem nur Hörende schwimmen. Das schreckt viele ab.

ZEIT: Was muss denn künftig geschehen, damit sich das ändert?

Barth: In den USA ist Gebärdensprache eine Fremdsprache, die man als Fach wählen kann, und es gibt zum Beispiel die Gallaudet University in Washington, in der nur in Gebärdensprache unterrichtet wird. Bei uns sind es eher kleine Dinge, die Gehörlosen das Leben einfacher machen. Am Institut gibt es zum Beispiel inzwischen einen Sprachkurs für Gebärdensprache, damit sich die Kollegen mit mir beim Kaffee unterhalten können. Und wir hatten einige Workshops für taube Naturwissenschaftler und redeten über Fachgebärden, die uns in den Naturwissenschaften helfen, wie "Molekül" oder "Ionisation". (Als Geste für die Ionisation lässt er den kleinen Finger aus der Faust nach oben schnellen, als würde er ein Elektron so von seinem Atom wegschnippen.)

ZEIT: Haben Sie Lieblingsgebärden?

Barth: Das Quant. Eine kleine, feine Gebärde, passend zum Gegenstand, um den es geht. (Er bewegt den rechten Zeigefinger über den ruhenden linken Zeigefinger hinweg. Der rechte hüpft dabei von Gelenk zu Gelenk des linken Fingers.)

ZEIT: Eine letzte Frage noch: Warum passt die Katze unter dem Seil hindurch?

Barth: Unabhängig von der Größe des Planeten beträgt der Abstand zwischen dem Boden und dem um einen Meter verlängerten Seil stets knapp 16 Zentimeter. Die Katze kann also problemlos unten durchschlüpfen.