Die erste Arie, die Andile Tshoni hörte, sang ein Weißer. Eine erstaunliche Stimme kam aus dem Radio, die Töne stiegen tief aus der Kehle und vibrierten leicht. Tshoni lauschte gebannt, die Stimme ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Tagelang versuchte er, sie nachzumachen. Sein Cousin bekam das mit. "Das war Luciano Pavarotti", erklärte er und borgte Tshoni eine Kassette mit Opernarien.

Wie alt er da war, weiß Tshoni nicht mehr, vielleicht 14 oder 15. Aber an den Wochentag erinnert er sich genau. Montags probte er immer mit dem Kirchenchor und wollte sich gerade auf den Weg zur Probe machen, als Pavarotti sang. Es waren die letzten Jahre unter dem Apartheidsregime, das in Südafrika bis 1994 Schwarze wie Tshoni streng von den Weißen trennte. In Tshonis Viertel, nicht weit vom Meer entfernt, lebten ausschließlich Schwarze. Hier hatte keiner Geld für Gesangsstunden, in seiner Familie hat nie jemand eine Musikschule besucht. Europäische Musik kannte Tshoni nur aus der Kirche, sein Chor sang manchmal Oratorien von Georg Friedrich Händel und natürlich den Messias. Dass Händel auch Opern geschrieben hatte, fand Tshoni erst später heraus.

Jetzt, 25 Jahre später, sitzt Andile Tshoni (breites Kreuz, breites Lächeln) wieder bei einer Chorprobe, diesmal in einem Raum, den die Oper Kapstadt gemietet hat. Der Raum liegt im 5. Stock des Artscape-Theaters, Kapstadts traditioneller Aufführungsstätte für Ballette, Musicals, Opern. Ein Gebäude der Siebziger, außen viel Beton und Glas, innen orangene Leuchter und ein verblichener grüner Teppich. Am Abend singt er hier Verdis Rigoletto.

Tshoni gehört seit dem Jahr 2000 als Tenor fest zum legendären Opernchor. In London wurde der 2013 zum "besten Opernchor" gewählt, in Afrika ist er einzigartig: Fast alle Sänger sind schwarz, viele von ihnen stammen aus armen Familien. Ein Wunder, denn bis 1994 war hier die klassische Oper den Weißen vorbehalten, bis heute sieht man im Publikum kaum Schwarze, obwohl sie 85 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Als die erste demokratische Regierung gewählt wurde, kürzte sie das Kulturbudget, ein Opernsterben setzte ein. Die Oper Kapstadt unterhält heute das einzige fest angestellte Ensemble auf dem Kontinent.

An diesem Nachmittag hat der Chorleiter eine besondere Probe eingeschoben – für ausgewählte Sänger des Ensembles. Sie werden im April zwölf Konzerte in Deutschland geben und eines in der Schweiz. Wenn sie reisen, nennen sie sich African Angels. Ihr Ziel: einen musikalischen Überblick über Südafrika zu bieten. Durch die Fenster im 5. Stock blickt man auf den Tafelberg, die typische Kulisse der Stadt. Im Saal tanzen sich normalerweise Ballerinen warm, der Boden ist aus Holz, eine Wand hängt voller Spiegel. Für die kräftigen Stimmen des Opernchors ist der Raum viel zu klein. Tshoni singt zurückgelehnt, die Füße übereinandergeschlagen, die Sonnenbrille in die Stirn geschoben. Er sieht aus, als sei er nur hier, um rasch eine Cola zu trinken.

Die African Angels singen eine Mischung aus Opernhits, Gospelliedern und afrikanischen Hymnen. Letztere erkennt man an den Trommeln, die manchmal mehrere Rhythmen zugleich vorgeben, und am Stakkato-Gesang. Das Lied, das sie gerade proben, ist im ganzen Land bekannt. Weeping handelt von der Angst der Unterdrücker vor den Unterdrückten. Das Anti-Apartheid-Lied aus den Achtzigern gilt als inoffizielle Hymne Südafrikas.

Mit afrikanischen Gesängen wachsen hier fast alle Schwarzen auf, man hört sie auf der Straße und im Coffeeshop, auf öffentlichen Toiletten, im Radio und in allen Kirchen. Alle Mitglieder von Tshonis Ensemble waren als Kinder im Kirchenchor. Daher auch der Name African Angels: Drei Viertel der Südafrikaner gehören einer christlichen Kirche an, als Protestanten, Katholiken oder Pfingstler; doch die meisten, ein Drittel der Christen, zählen sich zu einer unabhängigen Kirche.