Als ich das fünfte Los aufreiße und der Losverkäufer sein "Kommseran!" in die Menge megafont und sich neben mir ein flennender ADHS-Junge auf das Riffelblech schmeißt und der dazugehörige Jogginghosenvater unbeeindruckt eine Holsten-Dose wegext und die Freitagabendluft nach Schweiß riecht, nach Restsonne und gebrannten Mandeln und billigem Parfüm, in diesem Moment merke ich, wie die berühmte Dom-Wohligkeit in mir aufsteigt, und nur noch vage erinnere ich mich an den Mann, der ich eine halbe Stunde zuvor gewesen sein soll.

Ein Mann mit deprimierendem Kontostand, der sich um seine Auftragslage sorgt, mit chronischem Lungenleiden und steuerlich im Verzug, einer mit schlechtem Profilbild bei Facebook oder vielleicht auch gutem, aber zu wenig Likes, einer, den die U-Bahn-Waggonbeschallung der Teenies genervt hatte, aber nicht genug, um sich zu beschweren, weil man weiß ja nie, ein hustender, kleiner, fertiger Mann schließlich, der sich durch die News auf seinem Handy scrollte und dort las von Krieg, Terror, Hunger, von der Türkei, der AfD, dem Brexit, vom Ende Europas, von Syrien, Flüchtlingen, Trump. Ein Mann, der an der Welt litt. Dann kam die Haltestelle St. Pauli. Und der Mann stieg aus.

Ich stehe vor der Losbude auf einem Nietenteppich, an dem ich mitgeknüpft habe, und kriege einen Trostkaugummi zugesteckt. Ich fühle mich wie ein Gewinner. So kann es weitergehen. So kann ich weitergehen.

Nun gibt es den Hamburger Dom als Jahrmarkt seit dem 11. Jahrhundert, damals durften Gaukler und Quacksalber bei Regenwetter im Mariendom einkehren. Und seit 1893 schlägt der Rummel seine Zelte auf dem Heiligengeistfeld auf.

Geschichte hat er, mitnichten zu knapp, aber vielleicht war der Hamburger Dom nie so wichtig wie heute. Nach einem Jahr, das sich wie ein permanenter ARD-Brennpunkt angefühlt hat. In einem Jahr, über dem die Möglichkeit der nächsten Katastrophe schwebt wie eine giftige, graue Wolke. Es ist etwas kaputtgegangen in den vergangenen Monaten in der Welt und in uns, und das Schlimmste ist, dass man sich daran gewöhnt hat, einfach weil man sich daran gewöhnen musste. Ein Tag ohne Eilmeldung ist ein schöner Tag, aber leider nicht mehr selbstverständlich.

Aber auf dem Dom – auf dem Dom habe ich nicht mal Handyempfang. Was an meinem Netzbetreiber liegen mag, aber von mir, der ich mittlerweile auf Dosen werfe, 100 Meter weiter, als Wink des Schicksals interpretiert wird. In meiner Wahrnehmung überstülpt eine riesige Käseglocke das Heiligengeistfeld, die Welt ist da draußen, und ich bin hier drinnen, und hier drinnen ist kein Empfang.

Ich schlendere vom Dosenwerfen zur Basketballstation, ich treffe auch dort kaum, aber das ist nicht schlimm. Ich muss nichts beweisen, nicht mal mir selbst. "Willst du nichts Unnützes kaufen, musst du nicht auf den Jahrmarkt laufen", so hat Goethe gedichtet und schon damals recht gehabt und behalten bis heute, der alte Seelenkenner, unnütz ist alles, was ich und die anderen erstehen, aber gerade deshalb hauen wir unsere Münzen auf den Tresen. Wir wollen Spaß statt Nutzen, Spaß der schnellsten Sorte, bitte. Der einzige Sinn auf dem Dom ist der Unsinn.

Ich lasse die Konga-Schaukel XXL rechts liegen und mir gegenüber der Achterbahn eine klebrige Zuckerwatte drehen, mit schweifendem Blick auf die Menschen. Ein Seniorenpaar rollatort vorbei. Dann ein stampfender Stiernacken mit Goldkette, platinblonde Perle im Arm. Neun Deutschtürken, federnder Wir-sind-die-Geilsten-Tritt. Bauchfreie Abiturientinnen im Selfiemodus, "Baby!", ruft die eine zur anderen, "du siehst voll geil scheiße aus, du Schlampe!"