DIE ZEIT: Staatsanwälte haben kürzlich die Büros der Anwaltskanzlei Jones Day durchsucht, die zuvor im Auftrag von Volkswagen in der Dieselaffäre ermittelt hat. Kann man einem Anwalt überhaupt noch ein Geheimnis anvertrauen?

André Szesny: So wie es aussieht, sind Informationen bei Priestern oder Journalisten derzeit besser aufgehoben als bei Rechtsanwälten.

ZEIT: Sollten Strafverfolger nicht hart durchgreifen, um endlich die Machenschaften bei Volkswagen aufzuklären?

Szesny: Aber nicht so, denn solche Durchsuchungen sind nach meiner Überzeugung unzulässig. Vor wenigen Jahren wurde sogar eigens das Gesetz geändert und ausdrücklich festgeschrieben, dass alle Rechtsanwälte vor Durchsuchungen und Beschlagnahmungen geschützt sein sollen. Bis dahin galt dieser Schutz nur für Verteidiger in Strafsachen. Der Fall Volkswagen und viele andere zeigen nun, dass Staatsanwaltschaft und einige Gerichte das Gesetz entgegen dem Willen des Gesetzgebers auslegen.

ZEIT: Kommt das öfter vor?

Szesny: Solche Fälle häufen sich, die meisten werden nur nicht öffentlich diskutiert. Vor einigen Jahren wurden im Fall HSH Nordbank anwaltlich gefertigte Aufzeichnungen über interne Ermittlungen beschlagnahmt. Später traf es eine Anwältin, der sich ein Whistleblower anvertraut hatte. Der Cum-Ex-Untersuchungsausschuss des Bundestages wollte die Kanzlei Freshfields durchsuchen lassen und wurde erst durch den Bundesgerichtshof gestoppt.

ZEIT: Wenn Staatsanwälte in einer Kanzlei gut aufbereitete Dokumente finden, spart das doppelte Ermittlungsarbeit. Warum soll das so schlimm sein?

Szesny: Das zerstört das Vertrauensverhältnis zwischen Anwalt und Mandant. Niemand offenbart sich doch mehr seinem Berater, wenn die Strafverfolgungsbehörden jederzeit auf der Matte stehen und alle Informationen abgreifen können.

ZEIT: Bei VW ging es doch um etwas ganz anderes. Jones Day sollte intern eine Affäre aufklären, nicht beraten. Was ist daran schutzwürdig?

Szesny: Internal Investigations sind immer auch anwaltliche Tätigkeit. Wenn ein Unternehmen interne Vorgänge untersuchen lässt, will es doch nicht nur herausfinden, was passiert ist, sondern auch, welche rechtlichen Risiken und Möglichkeiten sich daraus ergeben. Außerdem können interne Ermittler nicht ohne Weiteres Büros und E-Mail-Konten durchsuchen oder Angestellte befragen. Sie müssen sich an die Regeln des Datenschutzes, des Arbeits-, Straf- und Gesellschaftsrechts halten.

ZEIT: Und hinterher sollen die Erkenntnisse am liebsten im Safe verschwinden?

Szesny: Unternehmen wollen – und müssen – wissen, wie sie mit den Ergebnissen der internen Ermittlungen umgehen sollen. Müssen sie die Staatsanwaltschaft informieren, können sie von den Tätern Schadenersatz fordern? Sollten sie gegebenenfalls eine Selbstanzeige stellen, um Schlimmeres zu vermeiden – oder lieber nicht? Solche Fragen kann nur ein Anwalt beantworten.

ZEIT: Das ist richtig. Aber können Detektive oder Wirtschaftsprüfer nicht ebenso gut herausfinden, wer wann was gewusst oder getan hat?

Szesny: Zweck der internen Ermittlungen ist aber auch, dass die Erkenntnisse rechtlich verwertet werden dürfen. Illegal beschaffte Beweise nützen den Unternehmen später nichts.

ZEIT: Internal Investigations gibt es hierzulande noch nicht lange. Siemens hat vor zehn Jahren damit angefangen ...

Szesny: ... und der Fall Siemens war die "Mutter aller Korruptionsverfahren". Allerdings hat denen damals die amerikanische Börsenaufsichtsbehörde SEC eine Anwaltskanzlei als interne Ermittler aufs Auge gedrückt. Das war eine etwas andere Konstellation. Seitdem hat sich aber die richtige Erkenntnis durchgesetzt, dass Unternehmen im Verdachtsfall überprüfen müssen, was in ihrem Geschäft geschieht.

ZEIT: Was für Anwälte ein gigantisches neues Geschäftsfeld erschlossen hat. Jones Day soll Volkswagen eine Rechnung über 140 Millionen Euro geschickt haben.

Szesny: Derart spektakuläre Fälle sind selten. Eine Vielzahl der Untersuchungen findet unter dem Radar der Medienberichterstattung statt. Oftmals melden sich Mittelständler, die fürchten, dass ihre Vertriebsleute bestechen. Dann wollen sie wissen, was da dran ist und was sie tun sollen. Was sie zu Recht aber nicht wollen, ist, dass anschließend die Staatsanwaltschaft bei den Anwälten des Unternehmens die fix und fertig aufgearbeiteten Untersuchungsergebnisse sicherstellt.