Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

"Das Weite suchen" hat einen negativen Klang, es klingt nach Flucht und sich wegstehlen aus der Zuständigkeit für die heimischen Zustände, zu denen man nicht stehen mag oder kann. Was aber sollte daran schlecht sein, das Weite zu suchen, Erweiterung, Offenheit, neue Horizonte? Zumal, wenn man etwas mitbringt nach Hause, wenn man heimkommt mit vollen Taschen, mit vollem Herzen, voller Ideen für das, was auch daheim möglich ist.

"Er hat das Weite gesucht" – ein Vorwurf, der Flüchtenden nachgeworfen wird, von denen man nicht erwartet, dass sie je heimkehren. Wenn sie dann aber zurückgekehrt sind, soll man sie freundlich empfangen, denn sie bringen etwas mit von der Weite dort draußen, gleichviel, ob sie gescheitert sind oder gewonnen haben. Und oft ist das so klar nicht zu unterscheiden. Sie haben in jedem Fall etwas mitgebracht von dem fremden Anderen, das daheim fruchtbar werden kann.

"Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt/ so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt." Im Lied ist die Wanderlust gemeint, doch es ist noch etwas anderes im Himmelszelt über uns: Der Himmel gibt jeder beschränkten Landschaft, Region, jeder Heimat die Weite des Möglichen. Der Himmel ist nicht nur lockende Ferne, sondern auch offener Raum über allem, was unter ihm wachsen will. Ihre heimatliche Lausitz war beiden Künstlern lausige Enge und Beschränkung; der eine, Hermann Pückler, entkam ihr nach London, Paris, in den Orient, der andere, Carl Blechen, nach Italien. Hier fühlten sie sich in mancher Hinsicht heimischer als daheim. Aber sie kehrten dann doch zurück und brachten ihre Schätze mit, die bis heute Gültigkeit haben.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Im Braunkohlerevier sind die beiden Meister der Landschaft heute Namensgeber von Schulen, Straßen und, nun ja: Shopping-Malls. Sie gelten dort besonders viel, wo sie, als sie das Weite suchten, wenig galten. Sie gelten auch, weil sie über die Region hinausstrebten, weil sie heute den Blick weiten können für landschaftliche Stimmigkeit, wo die Tagebaue eine moderne Wüste hinterlassen haben. Lausitzer Landschaft – eine heute noch kaum vorstellbare "kanadische" Weite ist hier in Planung, wo man sich vorgenommen hat, statt im Rauch der Kohlekraftwerke im größten Seengebiet Europas zu siedeln. In einer idealischen Landschaft, die wohl immer als Menschenwerk erkennbar bleibt, die aber auch den Himmel sichtbar macht. Einen Himmel, der nicht Satelliten-Wachstation sein will, sondern offener Raum des jederzeit Möglichen. Ein weiter Himmel, aus dem wir nicht nur beobachtet werden, sondern uns auch ein gütiger Gott ansieht, um uns mit seinem Wohlwollen zu ermutigen.