Eigentlich sind Betriebsräte dazu da, die Rechte von Arbeitnehmern zu schützen. Die Kollegen wählen sie, um ihre Interessen zu vertreten bei Konflikten mit dem Arbeitgeber. Bei Salzgitter-Flachstahl, einer Tochter der Salzgitter AG, verhält es sich anders. Viele Betriebsräte dort vertreten erst einmal die Interessen ihrer Gewerkschaft, der IG Metall. Wer da nicht mitmacht, den machen sie fertig – so wie ihren Betriebsratskollegen, den Industriemeister Adnan Köklü.

Dessen Demontage lässt sich gut nachvollziehen, weil die IG-Metaller sie in den Protokollen ihrer Betriebsratsfraktionssitzungen mit Liebe zum Detail dokumentiert haben. Einmal besprechen sie den betriebsinternen "Umgang mit Herrn Köklü". Die Diskussion mündet in einer Forderung, die das Protokoll, inklusive Rechtschreibfehler, wie folgt zusammenfasst: "Seines Erachtens nach sollten alle auf ein Handschütteln verzichtet, da dies nach außen hin ein falsches Signal der Wertschätzung sendet."

Die Protokolle der IG-Metall-Fraktion Salzgitter sind voll von solchen Ideen. Sie lesen sich wie ein Mobbing-Handbuch. Die Mitglieder wollen Köklü loswerden. Dabei war er mal einer von ihnen.

Adnan Köklü ist 26 Jahre alt, Türke, lebt seit seiner Geburt in Deutschland, er war Sprecher von 2.500 Berufsschülern, engagierte sich seit 2008 in der IG Metall, wurde als deren Vertreter im Salzgitter-Konzern zum Auszubildendenvertreter und Vertrauensmann gewählt – und seit 2014 ist er auch Mitglied im Betriebsrat.

Köklüs Karriere ist eine vorbildliche IG-Metall-Karriere. Sie hat nur einen Makel: Er ist bei der Betriebsratswahl 2014 nicht für die IG-Metall-Liste angetreten, sondern für die neue Liste "Respekt!!!".

Bei der Wahl entfielen schließlich 32 Sitze auf die IG Metall. Die Liste "Respekt!!!" kam auf einen Sitz. Für die IG Metall war auch dieser eine Sitz einer zu viel. Sie setzte deshalb sehr bald alles in Bewegung, um den Mann, der diesen Sitz einnahm, loszuwerden. Am 6. März 2017 hatte sie vorerst Erfolg: Adnan Köklü wurde vom Unternehmen fristlos entlassen.

Die Zeit zwischen Köklüs Entschluss, in den Betriebsrat einzuziehen, und seinem Rauswurf ist ein Lehrstück darüber, wie die Gewerkschaft ihre Macht in Unternehmen gegen Konkurrenz verteidigt. Dass sie dies tut, ist nicht neu (siehe Kasten). Doch selten gab es einen derart detaillierten Einblick in die Mittel, die ihre Vertreter anzuwenden bereit sind. Gerichtsurteile, die Köklü erstritten hat, und besagte Sitzungsprotokolle dokumentieren, wie die IG-Metaller Druck ausübten: auf Köklü, seine Kollegen und sogar einen Landtagsabgeordneten, in einem der größten Konzerne Niedersachsens, der Salzgitter AG, 25.000 Mitarbeiter, acht Milliarden Euro Umsatz. Niedersachsen hält einen Anteil von 26,5 Prozent.

Es gäbe dort viel zu besprechen für Arbeitnehmervertreter. Zum Beispiel die Billigkonkurrenz aus China, die zum Abbau von über 1.000 Arbeitsplätzen führte. Aber in den Sitzungsprotokollen der IG-Metall-Fraktion geht es zu erheblichen Teilen um die Frage: Wie werden wir bloß den Köklü los?

Alles fing damit an, dass Köklüs Arbeitskollege Yusuf Altan zur Betriebsratswahl 2014 eine Oppositionsgruppe gründete, weil er meinte, die IG-Metall-Kollegen dienten mehr der Gewerkschaft als der Belegschaft. Köklü schloss sich Altan an, weil er sich mit einigen IG-Metallern überworfen hatte.