Ein behäbiges Haus, viktorianisch solide und komfortabel, ein großer Rasen, auf dem Crocket gespielt wurde, zum Sommerfest gab es Scones und Gurkensandwiches. Noch englischer wurde es nur an Weihnachten, wenn die Familie sich unter einem riesigen Tannenbaum versammelte und gefüllten Truthahn, Brotsauce und flambierten Plumpudding verspeiste.

"Mein Kindheitsidyll", schreibt Ian Buruma, "war typisch englisches Landleben." Er, 1951 in Den Haag geboren, wuchs auf in den Niederlanden, aber war doch immer wieder mit der Familie zu Gast bei den Großeltern, die Engländer waren, englisch lebten und alles Englische priesen, ja zelebrierten. Als ein amerikanischer Freund des jungen Buruma dessen Großeltern kennenlernt, hält er sie für die englischsten Menschen, die er je getroffen hat.

Wie so häufig trog auch hier der Schein. Das Englischsein der Großeltern war keineswegs selbstverständlich. Und wurde deshalb so sorgsam gelebt. Fast alle Urgroßeltern waren deutsch gewesen. Deutsche Juden. Und so waren seine Großeltern, schreibt Buruma, so englisch, wie ihre deutsch-jüdischen Vorfahren deutsch gewesen waren.

Ian Buruma, Professor für Demokratie, Menschenrechte und Journalismus am Bard College in New York, ist bei uns vor allem durch seine Bücher Erbschaft der Schuld und ’45: Die Welt am Wendepunkt bekannt geworden. Lebendig erzählt er historische Ereignisse, erforscht Gesellschaften und verknüpft seine Analyse oft mit der eigenen Familiengeschichte. Hier geht er den umgekehrten Weg. Er erzählt privat und unterfüttert historisch.

Buruma hat im Nachlass seiner Großeltern Bernard und Win Schlesinger Hunderte von Briefen gefunden, die die beiden einander über einen Zeitraum von mehr als 60 Jahren geschrieben haben. Es sind Briefe ihrer Liebe und Briefe aus zwei Kriegen. Bernard war als einfacher Soldat in den Schützengräben des Großen Krieges, wie der Erste Weltkrieg noch heute in England genannt wird (er erzählt fast nichts von den Schrecken, die er erlebte), und als Arzt im Zweiten Weltkrieg. Win wartet im ersten Krieg im Kreise ihrer Familie auf ihn, im zweiten hat sie fünf eigene Kinder zu versorgen und zwölf jüdische Jugendliche, die sie aus dem nationalsozialistischen Deutschland zu sich herübergeholt hat.

Wir lesen eine große Liebesgeschichte – jeder Sehnsuchtston klingt echt in den Zeilen dieses Paares –, zugleich erleben wir die Geschichte einer leidenschaftlichen Assimilation. Ihr Judentum verstecken Bernard und Win Schlesinger nicht – nie sind sie auf die Idee gekommen, zu konvertieren – und kehren es auch nicht heraus. Aber es prägt ihr Leben.