Er war ein kleiner Mann mit großem Charisma. Gebildet, elegant. Seine Romane erlangten mythische Bedeutung, schon der erste, Go Tell It on the Mountain, die Geschichte seiner Jugend. Die Essays hochpolitisch und brillant. James Baldwin war schwul, und er war schwarz, er war als Schuhputzboy aus Harlem losgezogen und lebte, im selbst gewählten Exil, am Fuße einer mittelalterlichen Zitadelle an der Riviera, wo er, Ritter der französischen Ehrenlegion, 1987 starb. James Baldwin war vieles, nur eines war er nicht und wollte es nicht sein: I Am Not Your Negro. Dieser Satz ist jetzt der Titel eines Filmes, der von James Baldwin erzählt und vom Negersein, wie es damals war und heute ist, in Amerika. Es ist eine aufwühlende, dokumentarische Bilanz zum Zustand der Nation, die New York Times nannte die Betrachtung dieses Filmes ein "lebensveränderndes Ereignis". Das trifft es.

Der Film beginnt mit einer TV-Show aus dem Jahre 1968. Der Talkmaster macht sein weißes Bubigesicht und fragt: "Warum, Mr. Baldwin, sind die Neger so schlecht drauf?"

Tja. Wieso eigentlich? Warum ist der Neger nicht optimistisch? Die Kamera verweilt auf dem Gesicht des Autors. Die breite Nase über dem vollen Mund, der sich zu einem Lächeln verzieht, amüsiert, oder ist es ärgerlich oder doch wehmütig, die Gefühlslagen wetterlichtern über dieses sehr schwarze Gesicht, es bleibt ein Eindruck abgründiger Traurigkeit. Baldwin antwortet dem Bubi. Die Frage, was mit den Schwarzen los sei, sei natürlich eine brennende Frage, besonders für ihn, als Schwarzen. "Die wahre Frage aber ist: Was passiert mit diesem Land?" Cut.

Straßenkämpfe. Behelmte Polizei schiebt sich über die Leinwand. Schreie, Schüsse, Brüllen. Im Hintergrund lodert Feuer.

Kino - "I am not your Negro" (Trailer) © Foto: Edition Salzgeber

Der Regisseur Raoul Peck, 1953 in Haiti geboren, hat bereits eine preisgekrönte Dokumentation über Patrice Lumumba gedreht, den einstigen Präsidenten von Zaire. Gerade ist auch sein Film Der junge Karl Marx in den Kinos. Pecks Ausgangspunkt ist ein 30-seitiger Textentwurf von Baldwin für eine Geschichte der Schwarzen. Peck entfaltet diese Idee, indem er sie abmischt mit Briefen, die Baldwin an seinen Agenten Jay Acton schreibt (Tonspur: das Gehacke der Schreibmaschine), mit Texten, die aus dem Werk Baldwins zitieren (Sound: der Raspelbass von Samuel E. Jackson), vermengt mit einer Fülle biografischer Fotos und Videoexzerpten von Baldwin (Klang: Baldwins geschliffenes, fast britisches Englisch). So entsteht eine dicht gesteckte Biografie des Autors, der die Absicht hatte, seine Geschichte anhand der Geschichte seiner Freunde zu erzählen.

Die Freunde sind: Medgar Evers, Menschenrechtsanwalt, ermordet 1963. Malcolm X, Menschenrechtsaktivist, ermordet 1965. Martin Luther King, Pfarrer, ermordet 1968.

Das Gerüst also: eine Serie von Morden. Peck führt die Kamera leitmotivisch zu den Särgen, in denen diese Freunde liegen. Die toten Gesichter, gegengeschnitten zu den Gesichtern ihrer Kinder, gegengeschnitten zu den Gesichtern der Schwarzen, die herangezoomt werden, wie sie sich Bataillonen von Polizei entgegenwerfen oder im Würgegriff eines Sheriffs winden. Peck sucht sich aus dem historischen Material Aufnahmen, die bei den Gesichtern fast zärtlich verweilen. Man sieht die weichen, jungen Züge von Martin Luther King oder die Schönheit seiner Frau Coretta oder die Anmut der 15-jährigen Dorothy Counts, die in Charlotteville, North Carolina, unbeirrt durch den grölenden weißen Trash eine bislang weiße Schule ansteuert. Leitmotivisch eingelagert sind Szenen weißer Gewalt gegenüber Farbigen jeder Couleur, welche die Historie Amerikas takteten, das Massaker in Wounded Knee 1890, Birmingham 1963, Watts 1965, Ferguson 2014, sie dehnen den historischen Radius des Films bis ins Heute.

Raoul Peck schreibt mit seinem Film eine schwarze Geschichte fort, welche der Autor W. E. B. Du Bois mit seinem legendären Werk Die Seelen der Schwarzen 1902 begonnen hatte. Du Bois, der als erster Schwarzer einen Doktortitel von Harvard trug, fragte nach der Bilanz der Befreiung der Sklaven. Sie war bitter. "Die Nation hat noch keinen Frieden gefunden, nach all ihren Sünden, so wenig wie der einstige Sklave in der Freiheit das Gelobte Land. Trotz all des Guten, das diese Jahre der Veränderung gebracht haben, liegt der Schatten einer tiefen Enttäuschung über der Negerbevölkerung." Enttäuscht worüber? Über Verachtung, systematische Demütigung, Willkür, über die zynische Ignoranz der Weißen. Ein Befund, den Baldwin fast wörtlich in der Bilanz seiner eigenen Zeit wiederholt. Und auch Du Bois’ Bild von der Selbstwahrnehmung des schwarzen Kindes findet sich bei ihm – "Im dunklen Wald tauchte die eigene Seele vor ihm auf, und er sah sich selbst – dunkel, wie durch einen Schleier", hatte Du Bois geschrieben.