Werden die Grünen die neuen Konservativen? Bisweilen wirken sie so. "Es gibt Phasen, da muss man das, was man erreicht hat, verteidigen und bewahren", sagt Umweltsenator Jens Kerstan. "So sehe ich das im Moment."

Jens Kerstan, der Härteste, Streitlustigste unter den Hamburger Grünen, ein Mann, der mit Stolz von sich sagt, er könne auch Schlammcatchen, steht in seinem Büro im futuristischen Palast der Umweltbehörde in Wilhelmsburg und blickt hinaus: auf "meine Sorgenkinder und Aufgabenbereiche", wie er sagt.

Glanz und Elend der Grünen, von hier oben ist alles zu sehen. Und wer genau hinschaut, kann auch ein wenig in die Zukunft blicken. Grüner wird sie nicht mehr.

Vieles, was Kerstan sieht, gefällt ihm. Wohlgefällig ruht sein Auge auf den Gründächern der eigenen Behörde, nebenan setzen die gut gedämmten Ökobauten der Internationalen Bauausstellung Algen an. Weit im Westen rauchen die Schornsteine des Kohlekraftwerks Moorburg, das die Grünen trotz ihrer Regierungsbeteiligung zu schwarz-grünen Zeiten nicht verhindern konnten. Sie zeigen dem Umweltsenator, wie stark der Wind gerade weht, denn wenn viel Windenergie im norddeutschen Stromnetz ist, wird das Kohlekraftwerk abgeschaltet.

Und da sind auch seine Lieblingskinder, die Windräder, für jedes einzelne hat Kerstans Behörde gekämpft. Vom Hafen im Westen bis zum landwirtschaftlich geprägten Bergedorf im Osten ragen sie auf, standhafte Zeugen grüner Umweltpolitik. Es weiß ja niemand, wie schwer es ist, in städtischen Gewerbegebieten Windturbinen aufzustellen.

Allein die Vögel! Da ist, zum Beispiel, der Wanderfalke auf dem Gelände der Aluminiumhütte von Trimet. Der Wanderfalke, doziert der Umweltsenator, sei ja eigentlich ein Gebirgsvogel. Hier im Norden seien Industrieanlagen seine bevorzugten Reviere. Ehe bei Trimet drei Windräder errichtet wurden, musste also sichergestellt werden, dass sie den Wanderfalken nicht stören.

Dann ist da der Uhu von Curslack, der eingefangen und mit Sensoren versehen wurde, um herauszufinden, ob er sich in Flughöhen unter 80 Metern aufhält, dort also, wo ihn die Rotorblätter der nahen Windkraftanlage nicht erwischen.

Beim Windpark in Altengamme lebt ein Roter Milan, über den auch noch zu reden wäre – aber, komisch, die Welt redet lieber über ganz andere Fragen. Globalisierung, Gerechtigkeit, Populismus, Integration, zählt Kerstan auf.

Die SPD hat Schulz und Scholz, die CDU hat ihre Kanzlerin, nach Kerstans Vögeln kräht kein Hahn.

Vor sechs Jahren dachten die Grünen noch darüber nach, ob sie nicht einen eigenen Kanzlerkandidaten bräuchten. Inzwischen hat der Schulz-Effekt der SPD einen Höhenflug beschert und die Ökos in den Umfragen auf ihre Stammwähler zurückgeworfen. Gerade sind sie im Saarland aus dem Landtag geflogen.

"Viele grüne Themen und Konzepte sind komplex und daher nicht einfach zu vermitteln", sagt der Senator.

Sie meinen, wer den Unterschied zwischen einem Heizwerk und einem Heizkraftwerk nicht kennt, versteht nicht, worum es geht?

"So ungefähr."