DIE ZEIT: Herr Weidmann, ich habe Ihnen etwas mitgebracht, das ich jahrelang aufgehoben habe: einen Fünf-Mark-Schein von 1980 mit dem Bild einer jungen Frau, gezeichnet von Albrecht Dürer, und einen Zwanzig-Mark-Schein, ebenfalls mit Dürer-Bild, aus dem gleichen Jahr. Können Sie verstehen, dass viele Deutsche an der alten D-Mark hängen?

Jens Weidmann: Ja, schon. Die Menschen verbinden viele gute Erinnerungen mit der D-Mark. Mit meinem Hang zur Mathematik gefiel mir übrigens der Zehner der letzten D-Mark-Serie am besten. Darauf sind Gauß und seine Normalverteilung zu sehen.

ZEIT: Haben Sie noch einen davon?

Weidmann: In Acryl, bei mir zu Hause. Ich nutze ihn als Briefbeschwerer. Auch den alten 50-Franc-Schein fand ich sehr schön, mit dem kleinen Prinzen von Saint-Exupéry.

ZEIT: Im Vergleich dazu sind die Euro-Scheine langweilig und abstrakt.

Weidmann: Es war eine bewusste Entscheidung, keine nationalen Symbole oder Persönlichkeiten abzubilden. Deshalb wirken die Euro-Scheine eher nüchtern. Sie sind aber ein sichtbares Symbol der europäischen Einigung. Ein Symbol, das wir alle täglich bei uns tragen.

ZEIT: Als die Debatten um die Einführung des Euro tobten, waren Sie Student. Was haben Sie damals über den Euro gedacht?

Weidmann: Es hatte für mich etwas von einem Abenteuer, dass wir eine so erfolgreiche Währung wie die D-Mark hinter uns lassen wollten. Gleichzeitig herrschte aber auch Aufbruchstimmung. Viele erwarteten, dass Europa mit dem Euro schneller zusammenwachsen würde. Zumindest diese Hoffnungen haben sich so nicht erfüllt.

ZEIT: Waren Sie selbst für oder gegen den Euro?

Weidmann: Als Ökonom habe ich den Nutzen eines integrierten Wirtschaftsraums mit einer gemeinsamen Währung durchaus gesehen. Und ganz praktisch: Während meines Studiums in Frankreich und bei Reisen habe ich erlebt, wie umständlich das ständige Hantieren mit mehreren Währungen war.

ZEIT: Wir sollen uns den jungen Jens Weidmann also als Befürworter des Euro vorstellen?

Weidmann: Warum denn nicht?

ZEIT: Ihr Doktorvater Manfred Neumann war ein strikter Gegner. Er hat gemeinsam mit Ihrem anderen Doktorvater Roland Vaubel 1998 einen Aufruf initiiert, dass der Euro zu früh komme.

Weidmann: Die Mehrheit der Ökonomen lehnte damals nicht grundsätzlich die Idee des Euro ab. Viele waren aber der Meinung, dass bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein müssten, bevor man ihn erfolgreich einführen kann. Ich erinnere mich noch sehr gut, dass viele die Mitgliedschaft der hoch verschuldeten Staaten Italien oder später Griechenland hinterfragten. Da hieß es: Für diese Länder ist es noch zu früh.

ZEIT: Stimmte ja auch.

Weidmann: Zumindest haben sich einige der damaligen Befürchtungen als nicht unbegründet erwiesen. Zwar kam es gerade in den Jahren vor der Euro-Einführung zu Fortschritten, Italien hat etwa den Staatshaushalt konsolidiert und die Wettbewerbsfähigkeit verbessert. Von Anfang an dabei sein zu wollen hat Anreize zu einer soliden Wirtschaftspolitik gesetzt. Manches war allerdings nicht nachhaltig.

ZEIT: Das ist wohl wahr. 2010 gab es die Griechenlandkrise, später traf es weitere Länder. Es krachte in der Folge dermaßen im Rat der Europäischen Zentralbank, dass der damalige Bundesbank-Chef 2011 hinschmiss. Sie wurden sein Nachfolger. Wieso haben Sie sich das angetan?

Weidmann: Ich habe klare Ansichten in der Geldpolitik und bin der Auffassung, dass ich für diese Überzeugungen am besten dort werben kann, wo über die Geldpolitik entschieden wird – im EZB-Rat.

ZEIT: Ihr Vorgänger Axel Weber sah das anders.

Weidmann: Das war eine sehr persönliche Entscheidung. Axel Weber hatte seine Gründe, die ich aber hier nicht kommentieren möchte. Auch mit einer Position, wie Axel Weber und ich sie vertreten, kann man im EZB-Rat etwas bewirken. Beispielsweise ist das neue Staatsanleihekaufprogramm nach intensiven Diskussionen ganz anders ausgestaltet als das Programm, das 2010 beschlossen wurde.

ZEIT: Das ist auch ein Ergebnis Ihrer Schlachten. Gekämpft haben Sie vor allem mit EZB-Präsident Mario Draghi. Als der 2011 antrat, versuchte er, Sie in zahlreichen Gesprächen umzustimmen. Da gab es viele Treffen, einmal mit einer Flasche Wein und einer Tüte Chips.

Weidmann: Das klingt jetzt eher nach einem gemütlichen Fernsehabend als nach einer geldpolitischen Diskussion. Aber es stimmt: Wir haben uns damals oft gesehen und treffen uns auch heute noch häufig. Das führt zwar nicht immer dazu, dass man den anderen überzeugt. Aber man versteht ihn besser.