"Ich habe ein Verbrechen begangen!" So beginnt ein Brief, den der "ergebene Johannes B." im März 1958 dem "sehr verehrten Herrn Huchel" schreibt. Es sei ein Verzweiflungsakt gewesen, wie er "am Sonntagabend zwischen Sorgen mit den kranken Kindern und dem eingeschnittenen Daumen der Eheliebsten zustande kommt". Und er fürchte, ja sei beinahe gewiss, etwas falsch gemacht zu haben. Das Vergehen, das Johannes Bobrowski seinem Mentor Peter Huchel so dramatisch ankündigte: Er hatte Gedichte an den Verlag Rütten & Loening geschickt, ohne seinen 14 Jahre älteren Förderer vorab von diesem Schritt zu unterrichten. Wie Huchel auf das Geständnis reagierte, ist nicht bekannt, aber der nervöse Tonfall lässt ahnen, wie sehr Bobrowski eine Verstimmung fürchtete.

Peter Huchel, Dichter und Gründungs-Chefredakteur von Sinn und Form, den von der ostdeutschen Akademie der Künste herausgegebenen Beiträgen zur Literatur, hatte 1955 Gedichte des unbekannten Kinderbuchlektors in seiner renommierten Zeitschrift veröffentlicht und galt als Entdecker Bobrowskis. Der ganz eigene, von der offiziellen Kunstdoktrin so stark abstechende Ton und das enorme sprachliche Talent des 1917 in Tilsit geborenen Autors waren ihm sofort aufgefallen. Auch gab es Gemeinsamkeiten in den Themen und Motiven. Für Huchel, aufgewachsen in der Mark Brandenburg, war die Natur vor allem Raum menschlicher Erfahrungen, Schauplatz von Geschichte und Kultur. Und auch Bobrowski, der Huchels Gedichte als Kriegsgefangener gelesen hatte, mochte keine unbelebten Landschaften. Die Natur seiner baltischen Heimat, die er in Versen, später auch in Romanen und Erzählungen so eindrucksvoll schilderte, reizte ihn nur "im Zusammenhang und als Wirkungsfeld des Menschen". Gleich beim ersten Treffen sprach Bobrowski Huchel mit "Meister" an, dieser wiederum war glücklich, einmal einen echten Dichter gefunden zu haben, und staunte immer wieder, wozu dieser unscheinbare Mann, der im abgelegenen Berlin-Friedrichshagen wohnte, Kirchenmusik liebte und in seine Briefe gerne Bibelzitate einstreute, literarisch imstande war.

Die Lyrik Johannes Bobrowskis war eine Ostpolitik mit literarischen Mitteln

1962, als Bobrowski auch als Erzähler in Sinn und Form debütierte, mit dem Preis der Gruppe 47 ausgezeichnet und in Ost und West als Schriftsteller anerkannt wurde, musste der politisch ins Abseits geratene Huchel seinen Hut nehmen und die Redaktion verlassen. Isoliert, überwacht und gedemütigt, lebte er bis zur Ausreise 1970 zurückgezogen in Wilhelmshorst bei Potsdam. Und achtete empfindlich darauf, wer von seinen Freunden und Kollegen noch zu ihm hielt. Bobrowski bestand die Prüfung nicht. Als Christoph Meckel von Bobrowskis Telefon aus Huchel anrief, ließ Bobrowski sich verleugnen, bei einer Veranstaltung in der Akademie vermied er es, sich auf den freien Platz neben Huchel zu setzen. Der "nach diesem bösen Nachmittag" geschriebene Brief, in dem Bobrowski beteuerte, dass "es nicht Nachlässigkeit war, wenn ich mich nicht meldete, sondern mein Unvermögen, in derartigen Situationen überhaupt zu reagieren", machte alles nur schlimmer. Huchel antwortete mit höhnischer Höflichkeit: "Ihr deutlich spürbar gewordenes Nichtvorhandensein in jenen Monaten, Ihr Verhalten beim Meckel-Telefonat oder nach der Akademie-Lesung, wo es Sie weder Zeit noch Mühe gekostet hätte, en passant ein menschlich nobles Wort zu finden, sind von mir, ich möchte es nicht anders ausdrücken, durchaus bemerkt worden. Doch es erübrigt sich wohl, darüber noch Worte zu verlieren, nachdem Sie mir in Ihrem Brief eindringlich klar gemacht haben, dass Sie, einfach Ihrer Natur nach, zu solchem nicht fähig sind." Das war ein Verbrechen, für das es keine Entschuldigung gab.

Es sind Geschichten wie diese, die die vierbändige, pünktlich zum 100. Geburtstag Bobrowskis erschienene Briefausgabe zu einem Leseabenteuer sondergleichen, zu einem fast 30 Jahre umspannenden Epochenpanorama, einem Roman in Briefen machen. Mehr als 1.200 Schreiben Bobrowskis hat Jochen Meyer, früherer Leiter der Handschriftenabteilung im Literaturarchiv Marbach, zusammengetragen und überreich kommentiert, Gegenbriefe immer wieder ausführlich zitierend, zeitgeschichtliche Hintergründe und biografische Bezüge akribisch erläuternd. So lassen sich Freundschaften und Fehden, Gegnerschaften und Koalitionen bis in ihre kapillaren Verzweigungen, ihre späteren Nachbeben verfolgen. Man erfährt Freundliches, Vertrauliches und Gehässiges ("Wie gesagt, Celan ist gar nichts – sone Art Geibel"). Und kann hier noch einmal nachlesen, was es hieß, im sozialistischen Teil des getrennten Landes zu leben, der Willkür der Obrigkeit und den Nachstellungen der Staatssicherheit ausgeliefert.

Dabei sah sich Bobrowski, dessen Bücher parallel in der DDR und in der Bundesrepublik erschienen, immer als deutscher Dichter, der sich von keiner Seite, keinem System vereinnahmen lassen wollte. Auch nach dem Mauerbau hielt er Kontakt zu den Briefpartnern im Westen, zu Nicolas Born, Paul Celan, Elisabeth Borchers, Hans Magnus Enzensberger, Hubert Fichte, Uwe Johnson, Hans Werner Richter, Klaus Wagenbach und vielen anderen. Dem engen Freund Peter Jokostra hatte er 1959 geschrieben, er wolle sich "nicht auf ostdeutsch firmieren (...) lassen, so wenig wie auf ›heimlich westdeutsch‹. Entweder ich mach deutsche Gedichte oder ich lern Polnisch." Das Polnische und das Deutsche, hieß es in einem anderen Brief, seien in seiner Familie wunderlich gemischt, und er könne in seiner eigenen Existenz die Ostvölker mit den Deutschen konfrontieren. Groß geworden war Bobrowski in Ostpreußen, hatte sich in Rastenburg und Königsberg auf dem Gymnasium die klassische Bildung angeeignet, von der er ein Leben lang zehrte, und die Sommer bei den Großeltern auf der anderen Seite der Memel verbracht, im litauischen Willkischken und Motzischken. Der Krieg, an dem er ab 1939 teilnehmen musste, führte ihn nach Polen und Frankreich, ins lettische Kurland und nach Nowgorod, aus der Gefangenschaft im Donezbecken und an der Wolga kehrte er erst 1949 zurück.

Für den Autor Bobrowski wurde das antike Sarmatien, das Land zwischen Weichsel und Ural, zum dichterischen Sehnsuchtsraum, der in einem "Sarmatischen Divan" aufgehen sollte, wie er 1956 Huchel schrieb. Auch die in den sechziger Jahren erschienenen Romane Levins Mühle und Litauische Claviere verfolgen dieses Projekt der literarischen Kartografierung einer Region, indem sie deren historische Verwerfungen und deren utopisches Potenzial ergründen. Eine Poesie der Rettung, der Aufhebung des Verlorenen und Vergessenen hat das der damalige Bundespräsident Gauck bei einem Festakt zum 50. Todestag Bobrowskis im Schloss Bellevue genannt. In der DDR rührte die Erinnerung an die früheren Ostgebiete an ein Tabu. Dabei ging es Bobrowski um alles andere als nostalgischen Revanchismus. Wer die Schönheit der Landschaft pries, musste auch vom Leben der Menschen erzählen, und wer das jahrhundertelange Zusammenleben der Völker beschrieb, konnte auch das gewaltsame Ende nicht verschweigen. Nur so ließ sich eine dichterische Vision erschaffen, in der Vergangenheit und Zukunft ihren Platz hatten – eine Art Ostpolitik mit literarischen Mitteln. Wie ernst es Bobrowski damit war, führte er 1956 in einem Brief aus: "Ich will (...) in einem großangelegten (wenigstens dem Umfang nach) Gedichtbuch gegenüberstellen: Russen, Polen, Aisten samt Pruzzen, Kuren, Litauern, Juden – meinen Deutschen. Dazu muß alles herhalten: Landschaft, Lebensart, Vorstellungsweise, Lieder, Märchen, Sagen, Mythologisches, Geschichte, die großen Repräsentanten in Kunst und Dichtung und Historie. Es muß aber sichtbar werden am meisten: die Rolle, die mein Volk dort bei den Völkern gespielt hat. Und so wird die Auseinandersetzung mit der jüngsten Zeit, für mich: der Krieg der Nazis, einen wesentlichen und sicher den gewichtigsten Teil ausmachen. So werde ich in den Gedichten stehen, uniformiert und durchaus kenntlich. Das will ich: eine große tragische Konstellation in der Geschichte auf meine Schultern nehmen, bescheiden und für mich, und das daran gestalten, was ich schaffe. Und das soll ein (unsichtbarer, vielleicht ganz nutzloser) Beitrag sein zur Tilgung einer unübersehbaren historischen Schuld meines Volkes, begangen eben an den Völkern des Ostens."

Durch Bobrowskis frühen Tod, er starb 1965 an einem Blinddarmdurchbruch, blieb sein dichterischer Kosmos unvollendet. Wer den sprachlichen Glanz seiner Verse, die urtümliche Kraft seiner Bilder und die souveräne Eleganz seines Stils kennenlernen will, sollte die mit einem Nachwort von Helmut Böttiger neu aufgelegte Gedichtsammlung des bedeutenden Bobrowski-Forschers Eberhard Haufe zur Hand nehmen, der auch einen Großteil der Briefe zusammengetragen hat. "Sprache / abgehetzt / mit dem müden Mund / auf dem endlosen Weg / zum Hause des Nachbarn", heißt es in einem Gedicht. Bobrowski wollte seinen deutschen Landsleuten etwas über eine Landschaft und ihre Menschen erzählen, was sie nicht wissen. Das ist heute so notwendig wie damals.

Johannes Bobrowski: Gesammelte Gedichte.
Herausgegeben von Eberhard Haufe; Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017; 752 S., 34,99 €

Johannes Bobrowski: Briefe 1937–1965.
Hrsg. und kommentiert von Jochen Meyer; Wallstein Verlag, Göttingen 2017; 4 Bde., 2724 S., 199,– €

Johannes Bobrowski: Mäusefest.
Erzählungen; Wagenbach Verlag, Berlin 2017; 144 S., 17,– €