Als der Kollege in den Ruhestand ging, lag noch ein Manuskript von Kardinal Ratzinger im Haus. Das war 1996, ich war noch nicht lange Lektor im Freiburger Verlag Herder und "erbte" nun diesen gewichtigen Autor. Als Präfekt der Glaubenskongregation war er oberster Hüter der kirchlichen Lehre, der als theologischer Hardliner galt und dem es an Kritikern nicht fehlte. Viel mehr wusste ich nicht von ihm.

Sein Manuskript spielte an verschiedenen Orten in Rom: In den Katakomben etwa meditierte er über ewiges Leben. Ein Mosaik, ein Altarbild oder ein Reiner-Kunze-Gedicht dienten ihm dazu, im Kleinen Großes anschaulich zu machen. Diese spirituellen Miniaturen hatte er zuerst fürs Radio geschrieben. Ich fand sie anregend und machte, wie es mein Job war, Vorschläge für Umschlag, Klappentext und Vertragskonditionen, schickte alles nach und nach per Brief nach Rom. Auf jeden Brief folgte ein Anruf des Privatsekretärs Josef Clemens, der Kardinal habe es sich angesehen und sei einverstanden. Außer beim Titel. Der Verlag wünschte Bilder meiner Hoffnung. Das wollte er nicht. Clemens erklärte, das stelle den Kardinal nach dessen eigenem Empfinden zu sehr in den Vordergrund. Wir verständigten uns auf Bilder der Hoffnung. Das Buch erschien zum 70. Geburtstag des Kardinals, vor 20 Jahren – das erste "gemeinsame" Projekt. Unkompliziert. Da hatte ich ganz andere Erfahrungen mit Autoren. Vielleicht musste man genau so gestrickt sein auf einem ungeliebten Posten wie dem seinen – schauen, was wichtig ist, und sich ansonsten zurücknehmen.

So war es auch bei den weiteren Büchern. Ratzinger hatte einen großen Leserkreis, egal ob er eher geistlich oder theologisch schrieb. Wenn ich Belegexemplare nach Rom schickte, meldete sich Josef Clemens telefonisch mit einem Dankeschön des Kardinals. Ein paarmal schrieb Ratzinger selbst, einmal schickte er, "dankbar für viele Mühe", einen Band seiner Autobiografie. Bei der Widmung hatte er extra leserlich geschrieben: Klein, aber für seine Verhältnisse riesig, war mit schwarzem Füller jeder Buchstabe der vier Zeilen ausgeformt – normalerweise ist seine winzige Schrift von eigenen stenografischen Zeichen durchsetzt und nur für wenige geübte Leser dechiffrierbar.

Für die Arbeit an den Büchern selbst gab es die Abkürzung über Ingrid Stampa. Sie führte dem Kardinal den Haushalt, las seinem Bruder Georg bei dessen Besuchen vor und pflegte den Dachgarten seiner Wohnung gegenüber dem Sankt-Anna-Tor zum Vatikan. Hatte ich Fragen, konnte sie sie beim Essen besprechen. Wenn der Kardinal den Kopf nicht frei hatte, war es besser, nicht zu drängen. Wenn er in einer Sache einmal Nein gesagt hatte, blieb es dabei.

Immer am Karfreitag betet der Papst in Rom mit Tausenden Menschen den Kreuzweg. In 14 Stationen erinnern sich die Gläubigen an die Leiden Jesu. Jedes Jahr schreibt jemand anderes die Meditationen; für den 25. März 2005, an dem der todkranke Johannes Paul II. nicht mehr mitbetete, tat es Kardinal Ratzinger. Manche meinten in Formulierungen wie "Am Leiden des Sohnes sehen wir, welchen Ernst die Sünde hat" zu erkennen, sie seien unter dem Eindruck des Missbrauchsskandals entstanden. 2001 hatte er die Zuständigkeit für Fälle sexuellen Missbrauchs durch katholische Geistliche bei der Glaubenskongregation angesiedelt und so zum Thema der ganzen Kirche gemacht.

Im April 2005 telefonierte ich mit dem neuen Privatsekretär Georg Gänswein. Könnte man aus dem Kreuzwegtext ein Buch machen? Gänswein reichte den Hörer weiter an den Kardinal: "Na, das ist doch viel zu wenig für ein Buch." Ob er ihn mir trotzdem schicken würde? "Also gut, ich schicke es Ihnen, dann schauen wir weiter." Dazu kam er nicht mehr, vier Tage später war er Papst. Aber konnte es einen deutschen Papst geben, wenn noch KZ-Opfer und Kriegszeugen lebten? Als Benedikt XVI. auf die Mittelloggia des Petersdoms trat, war das so etwas wie das moralische Ende der Nachkriegszeit. Die Bild-Zeitung brachte es intuitiv auf den Punkt: Wir sind Papst!

Papst waren nun auch die Verlage, die Ratzinger gedruckt hatten. In wenigen Tagen las ich mich durchs Archiv und stellte einen Band mit Zitaten zusammen, Bodenproben seiner Theologie. Er bedankte sich aus Castelgandolfo: Dies werde "auch weniger lesefreudigen Menschen helfen, dem Herrn näher zu kommen". Darum geht es ihm: Freundschaft mit Jesus. Gott ist immer bei uns, aber wir sind nicht immer bei ihm, sagte er mit Augustinus. Aber wenn wir bei Gott sind, sind wir auch bei uns.