Auch Sportsocken können die Fantasie beflügeln. Nur die weiß bestrumpften Füße von Jurek Milewski, die unter einer Bettdecke hervorragen, weisen darauf hin, was gerade unter dem Plumeau im Gange ist. Sie quiekt. Er stöhnt. Die Bettfedern jubilieren. Die Ohrenzeugen im Kleinen Theater, einem Szenehaus in der Salzburger Vorstadt, sind entzückt von dem, was sie auf der Bühne nicht sehen.

Besonders beeindruckend ist indes, was danach geschieht. Milewski tritt in Unterhosen auf: Flacher Bauch, auffällig ausdefinierte Waden, massive Oberschenkel – für einen 58-Jährigen stellt der Mann einen erstaunlich durchtrainierten Körper ins Rampenlicht. Der ist einer Leidenschaft geschuldet, die den Schauspieler seit Jahren antreibt: Jurek Milewski ist Tretrollerfahrer – was jetzt nicht sonderlich bemerkenswert wäre, hätte er die Treterei nicht zum Leistungssport erhoben.

Der nennt sich neudeutsch Kickbiken und hat dem Salzburger bereits internationale Titel und so manche Quälerei eingebracht. Milewski ist Staatsmeister und mehrfacher Medaillengewinner bei Europameisterschaften, Paradedisziplin Marathon. Den dehnt er gern in Richtung Ultramarathon aus.

Vor zwei Jahren rang er mit seinem Kickbike Paris–Roubaix nieder, eine Strecke, die unter Profiradrennfahrern als härtestes Eintagesrennen der Welt gilt. Über insgesamt 250 Kilometer, davon 50 über Kopfsteinpflaster, ging die Rütteltour. Milewski, ein hellwacher, mit hintersinnigem Humor aufgeladener Typ, lacht kurz auf, als er die Erinnerungen abruft. "Eigentlich war geplant, dass wir in der Gruppe bleiben. Aber ich bin einfach davongezogen. Ich konnte nicht anders."

Anders wurde ihm auch vergangenen April. Trotz Magenkrämpfen durchquerte er Österreich von Süd nach Nord in einem Rutsch. 405 Kilometer und 4.200 Höhenmeter galt es bewältigen, und das, so das selbst gesteckte Ziel, in weniger als 24 Stunden. Er blieb zehn Minuten unterm Limit.

In diesem Jahr hat sich der Kickbiker den 16. April im Rennkalender rot angestrichen: In knapp einer Woche kickt er sich quer durch Zypern. Knapp 300 Kilometer von West nach Ost, ohne Pause. Österreichs Bester zu den Beweggründen für die Schinderei: "Ich bin einfach so verknallt in diesen Sport."

Vorbei also die Zeiten, in denen ein Tretroller bestenfalls nostalgische Erinnerungen an die Kindheit weckte. Ballonreifen, Lenkstange, Fußbrett: Mehr war nicht nötig, um ein erstes Gefühl für Mobilität bekommen. Günstig und unkaputtbar waren die Gefährte außerdem, was nichts daran ändern konnte, dass sie spätestens mit dem ersten Fahrrad in der Garage verstaubten.

Die Tschechen sind verrückt danach, in Österreich gibt es nur ein paar Außenseiter

Erst vor einigen Jahren wurden die Roller wieder hervorgeholt, in kompakte zwei- oder dreirädrige Fahrmaschinen für Erwachsene transformiert, Micro Scooter genannt, deren Geklacker zum Soundtrack hipper Szeneviertel geworden ist. Die letzte Evolutionsstufe hin zur Sportbewegung, so könnte man meinen, sei also nur noch Formsache.

Tatsächlich aber ist Jurek Milewski: ziemlich allein. Gerade einmal etwa zwanzig Aktive, die regelmäßig bei Bewerben antreten, gibt es in der Republik. Warum das so ist, kann der Kickbiker nicht sagen. Vielleicht, weil einer, der jeden Tag mindestens 50 Kilometer mit bis zu 30 Stundenkilometern durchs Salzburger Umland fährt und sich seine Textbücher sogar auf den Lenker klemmt, um Rollen einzustudieren, einfach nicht versteht, dass man ohne den Dauerkick auskommen kann.

Ein schrulliger Randsportartenfetischist ist der Schauspieler, Regisseur, Akrobat dennoch nicht. Ein Blick über die Grenze, hinüber in die Tschechische Republik, genügt, um zu erkennen, was eine Roller-Epidemie auslösen kann.

Seit Jahrzehnten schon ist der Nachbar, neben den Niederlanden, europäische Tretroller-Großmacht, über 30 000 Gefährte werden hier jedes Jahr verkauft, in unzähligen Vereinen organisierte Athleten dominieren internationale Bewerbe nach Belieben. Dort setzen die Sportler vor allem auf eine Erfindung, die ab Mitte der neunziger Jahre den Wandel vom einfachen Roller zum Leistungssportgerät einläutete: das Kickbike.

Ein findiger Finne nahm damals einen der in Skandinavien populären Tretschlitten, eine Art Rollator mit Kufen, und verwandelte ihn mithilfe eines großen 28-Zoll-Rennradreifens vorn und eines kleineren Rades hinten, zweier Bremsanlagen und eines tief sitzenden, gelochten Metall-Trittbretts in eine ernsthafte Tretmaschine.

Seitdem steht der Markenname synonym für den sportlichen Kick. Den gibt sich Jurek Milewski seit mittlerweile acht Jahren. Damals überließ ihm ein Freund einen Kicker, wie die Geräte im Jargon genannt werden. Jetzt steigt er quasi nur noch für seine Auftritte auf diversen Salzburger Bühnen ab.