Überwältigend, zum Jauchzen bunt: Der tiefe Bühnenraum im Jugendstil-Juwel der Münchner Kammerspiele ist aufgepoppt zu einem Hochaltar heidnisch-katholischer Inbrunst, in dessen Flügeln glitzernde, mit neonbunten Leuchtschlangen bestückte Vitrinen allerlei Voodoo- und Votiv-Kitsch zur Schau stellen. Ein Tempel, ein Schrein volksfröhlichen, bedrohlichen Aberglaubens. Ob katholisch, balinesisch oder Candomblé aus Brasilien – es geht schreiend bonbonbunt her auf dieser Kirmes der Religionen.

Nicht in allen Vitrinen pochen rote Herzen, zucken blaue Kerzen, funkelt grünes, gelbes Flitterzeug; in einigen laufen Videoschnipsel lieblicher Wiesen und Wälder, in anderen erscheint – mal rechts, mal links – der betörend schöne Kahlkopf eines androgynen Avatars, der eindringlich und mit hellblau brauenlosen Augen zu uns spricht, leider englisch und mit verzerrter Computerstimme, also unverständlich. (Ein Schriftband mit der Übersetzung ist zwischen Bildertand und Videokram verborgen.) Es sind Sprüche Timothy Learys, des LSD-Gurus versunkener Hippiezeiten: "Das Ziel dieses Trips ist Ekstase", verkündigt er eingangs. "Beseitige Zweifel und argwöhnische Skepsis, nimm stattdessen eine Haltung freudiger Akzeptanz ein."

Wir waren dazu bereit, ich schwör’s, viele Minuten lang. Akzeptierten freudig auch die nackte Tote, die hinten auf dem Altartisch lag wie in Frankensteins Kabinett (sie war, versteht sich, aus Gummimilch und trug, noch ganz altmodisch, dunkles Schamhaar); saugten unsre Blicke fest an den wunderlichen Menschenpuppen in weißen Nachthemden mit den übergroßen Manga-Augen, die freilich nicht, wie bei japanischen Comics, staunend in eine große Welt blickten, sondern durch tote Augenscheiben aus ihren Gummiköpfen glotzten. Getoppt waren diese Wesen, insgesamt fünf, von Frisurgebirgen blumiger Wuschelknäuel, als wäre Jeff Koons ihr Coiffeur gewesen. Überhaupt standen Kitschzkönig Jeff Koons, auch Matthew Barneys Cremaster, all die Video-Ästheten, Installations-Magier und Scharlatane des Gewerbes Pate für dieses priapische Ballett.

Vor allem aber flunkert durch das Arrangement aus Ritual und Liturgie, aus Religion und Sexualqual, Blutbefleckung und (Selbst-)Mordlust der blutjunge Rainer Werner Fassbinder, von dem die Spielmacherin Susanne Kennedy bereits zwei Stücke bei Johan Simons inszeniert hat: Die bitteren Tränen der Petra von Kant (in Gent) und Warum läuft Herr R. Amok? (an den Kammerspielen). Und nun, so scheint es, hat sie sich an Fassbinders Preparadise sorry now gerieben, an dessen szenischer Aufarbeitung des Serienmörderpaares Myra Hindley und Ian Brady, die das Foltern von Kindern auf Tonband aufgezeichnet und das Morden als "das Produkt einer existenzialistischen Philosophie, gepaart mit der Spiritualität des Todes selbst" gerühmt hatten. Die beiden wurden 1966 verurteilt.

Fassbinder hatte daraus 1969 eine schwarze Messe gebaut mit liturgischen Gesängen und Marien-Litaneien, die er mit Musterszenen gutbürgerlicher Alltagsbrutalitäten und mit Auszügen aus den Prozessakten verschnitt. Diese Collage führte er als Totentanz im Schwabinger Wirtshaus hinter der Uni auf. Die Bühne seines "antiteaters": ein Drei-Quadratmeter-Brettl, im Publikum Bier mit Schweinswürstel.

Susanne Kennedy, Meisterin lebender Guckkästen, worin das Unglück unterdrückten Lebens verhandelt wird, ist nicht mehr interessiert am sozialkritischen Sezieren, ihr ging’s um puren Schaubudenzauber, als sie für ihr Theater Jeffrey Eugenides’ Roman The Virgin Suicides (von 1993) wählte. Statt um lustvolle Serienmorde wie bei Fassbinder geht es hier um die rätselvollen Selbstmorde von fünf Schwestern (zwischen 13 und 17 Jahren) in einer sittenstreng christlichen Familie einer amerikanischen Vorstadt – die US-Version von Lorcas Verkümmerungstragödie Bernarda Albas Haus.

Kennedys Lust an den Wirrungen pubertärer und sexuell aufgestauter Mädchen, die allesamt während eines Jahres in den Tod fliehen, ist freilich nicht erkennbar. Aus Psychorätseln werden Rebusspielchen, mit dumpf oder blechern verquäkten, englischen oder deutschen, immer aber schwer verständlichen Satzbruchstücken. Die Textbausteine dringen aus Video-Schreinen, aus dem Off, aus den Gummimasken seltsamer Teletubbies, die wie chinesische Winkekatzen mit ihren bunt behandschuhten Armen wedeln. Einer raunt: "Ich schau den Mädchen beim Duschen zu." Eine Stimme von oben: "Ich habe einen Film gesehen. Wenn Mädchen zwölf oder so werden, fangen ihre Titten an zu bluten." Eine Winkekatze quakt: "Scharfe Büchse. Riech mal an meinem Finger, Mann." Wieder von oben: "Wenn wir an die Mädchen denken, sehen wir sie als fiebergeschüttelte Geschöpfe mit pelzigem Atem ..."

Nein, wir sehen putzige Aufziehpuppen beim Stehen und Sichdrehen, beim Liegen und Sichwiegen. Hinter ihnen, auf der großen Dunkelwand überm Frauenleichnam, erscheint für Minuten ein pfingstliches Altarbild: die Muttergottes im Kreise ihrer Apostel, weißes Licht zuckt über die Madonna. Darunter die bleiche weiße Leiche mit dem schwarzen Schamhaar, und dazu aus dem Off: "Die Jungfrau Maria ist in unsrer Stadt erschienen ...", eine der Puppen stimuliert ausführlich ihre Nippel – und siehe: Blut läuft daraus übers Nachthemd!

Das ist ja alles so weit recht schön, aber es bringt weder Erkenntnisse noch Erlebnisse. Zuckerwatte, bunte Liebeskügelchen, und Timothy Leary hat das Schlusswort: " Each moment a joyous discovery. The world will glow for you." Na ja, könnte so sein.