Dreißig Meter trennen das Millionenbusiness vom Ort, an dem es kein Eigentum gibt. Eine hübsche politische Paradoxie, angesiedelt in den Bergen Galiläas, mit einem preislosen Panoramablick auf die Wälder Nordisraels. Paradoxie, weil ebendieses Millionenbusiness, ein 184-Zimmer-Hotel samt Schwimmbad, Tennisplätzen und Synagoge, Eigentum der freiwillig Eigentumslosen ist. Es gehört den 130 Mitgliedern des angeschlossenen Kibbuz Lavi.

Das Wort Kibbuz bedeutet im Hebräischen "versammeln". Und ist Synonym für einen der größten jüdischen Emanzipationsversuche des 20. Jahrhunderts – das ebenso einfache wie revolutionäre Leben als Kommune im Heiligen Land. Nicht aus religiösen Gründen, sondern um eine klassenlose jüdische Gemeinschaft aufzubauen. An die glaubten zumindest die meist ungläubigen, kommunistisch orientierten Zionisten, die als Gründer der Kibbuz-Bewegung gelten. Die egalitären Gemeinden, die sie planten, sollten von dem leben, was der Boden hergab.

Der Marmorboden in der mondänen, lichtdurchfluteten Lobby des Kibbuz-Lavi-Hotels strahlt. Zahlende Gäste können sich ihren Appetit mit Willkommenspralinés verderben, solange der Dining Room präpariert wird. Das sieht nicht unbedingt nach dem redlichen Utopieurlaub aus, den man sich von einer Reise ins Kollektiv verspricht. Oder stammt die Milch für die Schokolade der Pralinés wenigstens aus den Zitzen ideologisch standhaft gemolkener Kibbuzkühe?

Wohin hat sich die Kibbuz-Bewegung entwickelt? Was ist das Schicksal vom kleinen semitischen Sohn des Sozialismus? Der im Gegensatz zum oft mit Enteignungen erzwungenen europäischen Kommunismus ein jüdisches Wunschkind war. Lohnt es sich, ihn zu besuchen? Und kann man ihm womöglich noch behilflich sein, so wie in den sechziger und siebziger Jahren, als die Kibbuzim viele Freiwillige, auch aus Deutschland, für ein paar Monate in ihren Reihen aufnahmen?

In Lavi fragt niemand nach meiner Arbeitskraft. Für ehrlichen Muskeleinsatz bleibt nur der kibbuzeigene Fitnessraum im umfunktionierten Bombenkeller (die einst umkämpften Golanhöhen sind nah). Dort wartet der greise Trainer Larry Barak in weißem, orthodox verziertem Hemd und schwarzer Hose. Barak, Sohn von Auschwitz-Überlebenden, studierte bis 1967 Literatur in Chicago. Dann ging er nach Israel, um sich der glorreichen Bescheidenheitsidee anzuschließen. Jahrzehntelang beackerte er Felder und übersetzte in seiner knappen Freizeit Gedichte. Bis er im zarten Alter von 59 von der Gemeinde gefragt wurde, ob er nicht eine Fortbildung zum Fitnesstrainer machen und im Hotel arbeiten wolle. "Ich war zwischendurch dick geworden, dann trieb ich Sport und nahm ab. Vielleicht deshalb." Dass er nun ein Muskelberater erster Güte ist, dafür bürge ich – mit von ihm trainierten Beinen. Denn da komme die Kraft her. "Alle wollen ihre Oberkörper trainieren. Aber sehen Sie sich die Beine der Gewichtheber an. Wie Säulen sind die."

Barak musste sein Arbeitsverständnis wandeln, weil die Kibbuzim ihre Identität wandeln mussten. Spätestens als sie überaltert und verschuldet auf dem Totenbett politischer Auslaufmodelle Probe lagen. Lebten zu Zeiten von Israels Staatsgründung noch etwa neun Prozent der Bevölkerung in Kibbuzim (und galten als Pioniere), sind heute gerade mal 1,8 Prozent übrig geblieben. Der Schwund begann 1977, als die Arbeiterpartei die Macht an den rechten Likud verlor. Dieser richtete das Land neoliberalistisch neu aus. Die Kibbuzim mussten ohne staatliche Förderung auskommen und häuften Schulden an. Einige schlossen, andere nahmen – in gut neoliberaler Manier – noch mehr Schulden auf, um zu investieren. Riskierten etwas, industrialisierten sich, errichteten Hotels und Fabriken. Letztlich erlaubten die meisten auch das olle Privateigentum.

Nicht so Lavi. Lavi ist weiterhin ein kommunal wirtschaftender Kibbuz, in dem für alle gemeinschaftlich gesorgt wird und niemand eigenes Geld erhält. Außerdem sind die Mitglieder religiös beseelt. Damit ist Lavi eine doppelte Ausnahme unter den etwa 260 verbliebenen Kibbuzim. Vielleicht fühlt sich der Gang durch die eigentlichen Siedlungen deshalb wie idyllischer Politvoyeurismus an. Sie beginnen direkt vor der gläsernen Pforte des Hotels. Feine Häuschen mit Garten, die nicht nach sozialistischer Schablone aussehen, eher nach angenehm eigenwilligen Existenzen. Mal steht ein Zitronenbaum im Vorhof, dann wieder ein Basketballkorb. Manchmal wuchert einfach Gesträuch vor der Haustür. Einige Wagen in den Einfahrten sind nummeriert und gehören offensichtlich dem Kibbuz, andere nicht. Aber alle sind sie in der Seele Škodas und eher unprätentiöser Markennatur.

Die kleineren Häuser bewohnen Singles und neuere Mitglieder. Die größeren, mit 120 Quadratmeter Wohnfläche, sind an Verheiratete mit Kindern vergeben. Oder an das Dutzend noch lebender Gründungsmitglieder, die 1949 die ersten 30-Quadratmeter-Häuschen im Nichts schufen. Sie waren Überlebende der sogenannten Kindertransporte – hatten also als Kind das Glück gehabt, nach der Reichskristallnacht nach Großbritannien evakuiert zu werden; und das Unglück, ihre Familien aus sicherer Ferne dem Tod geweiht zu wissen. Lavi sollte ein geschützter Raum sein, wo die Verwaisten wieder Verwandte werden konnten. Die Enkel der Gründer suchen allerdings immer öfter persönliche Freiheit statt statischer Solidarität und ziehen in die Städte. Ein demografisches Problem, das den Kibbuzniks viele graue Haare beschert.