Berlin, am Abend der Amtseinführung von Donald Trump: Vor dem Brandenburger Tor demonstrieren mehrere Hundert Menschen. Die zehnjährige Maria*, dunkelbraune Haare, Stupsnase, gelb-violette Softshell-Jacke, ist mit ihren Eltern und ihrer Schwester gekommen, sie hält ein Pappschild in die Luft. "Trump is Voldemort, but we are Harry Potter", hat sie mit bunten Filzstiften daraufgeschrieben. Der Magier Lord Voldemort ist in den Harry Potter-Romanen von Joanne K. Rowling die Verkörperung des Bösen. Sein Name darf nicht ausgesprochen werden. Wer sich nicht an diese Regel hält, muss um sein Leben fürchten.

In Marias Familie stand der Name Donald Trump wochenlang auf dem Index. Das lag an der fünfjährigen Schwester. Als in der Familie rund um die US-Wahlen ständig vom neuen Präsidenten die Rede war, wurde es dem Mädchen irgendwann zu viel. Sie wolle von "diesem blöden Trump" nun aber wirklich nichts mehr hören. So wurde aus dem Wahlsieger "der Mann, dessen Namen wir nicht nennen wollen". So einer wie Voldemort eben.

Maria war schon auf vielen Demonstrationen. Die erste erlebte sie im Alter von vier Monaten im Schultertuch ihrer Mutter, einer Pastorin, es ging damals um das Bleiberecht für Asylsuchende. Im Kindergartenalter hörte sie zum ersten Mal vom Holocaust, als sie mit ihren Eltern das frühere Konzentrationslager Ravensbrück besuchte. Mit acht verbrachte sie ein verlängertes Wochenende in einem Kinder-Klimacamp, einer Mischung aus Abenteuerurlaub und ökologischem Seminar. Spätestens seit dieser Zeit achtet sie darauf, dass niemand in der Familie das Licht unnötig brennen lässt. Heute, als Fünftklässlerin, weiß sie mehr über Trump als viele Erwachsene. Das Plakat für die Berliner Demonstration war ihre Idee. Im Keller der Familie stehen noch andere Pappschilder, alle selbst bemalt.

Jugendliche haben ein größeres Vertrauen in die Demokratie als Erwachsene

In Marias Leben gibt es besonders viele Einflüsse, die das Interesse an Politik und an gesellschaftlichen Veränderungen stärken: Sie ist die Tochter von zwei politisch engagierten Frauen, lebt in Berlin-Kreuzberg und besucht eine Schule mit Kindern aus vielen verschiedenen Ländern. Aber ihre Offenheit ist typisch für ihre Altersgruppe. Immer mehr Kleinkinder üben schon in der Kita, wie Demokratie funktioniert, Grundschüler schauen regelmäßig die eigens für sie geschaffene Nachrichtensendung logo! im Kinderkanal, und Jugendliche haben heute laut einem gerade erschienenen Report des Deutschen Kinderhilfswerks ein größeres Vertrauen in die Demokratie als die Generation ihrer Eltern.

"Kinder in Deutschland sind so politisch wie noch nie", sagt Thomas Krüger, der Präsident des Kinderhilfswerks. Dabei hielt sich gerade in Deutschland lange die Vorstellung, dass die Kindheit ein möglichst politik- und ideologiefreier Raum sein sollte, vermutlich eine Spätfolge der Nazi- und DDR-Vergangenheit, in der Schulen und Jugendeinrichtungen brutal instrumentalisiert wurden.

Das hat sich gründlich verändert. Krüger sieht mehrere Gründe: Smartphones und soziale Medien sorgten dafür, dass Kinder mehr über Politik erfahren als frühere Generationen. Selbst an Tagen, an denen manche Eltern ihre Söhne und Töchter lieber von schlechten Nachrichten abschirmen würden, sei das nicht so einfach. Der Krieg in Syrien oder die Terroranschläge in Nizza oder London landen in Sekundenschnelle auf den Bildschirmen, in Form von Texten, Fotos und Videos.

Hinzu komme, dass Kinder immer häufiger in Städten aufwachsen, wo sie im Alltag mit Themen wie Armut oder Integration konfrontiert werden. Kinder aus strukturschwachen Landgemeinden wiederum profitierten davon, dass immer mehr Bürgermeister gezielt mit Angeboten für Familien um Einwohner werben. Dazu gehören manchmal auch Beteiligungsangebote für Kinder. In Schleswig-Holstein hat die Landesregierung die Mitsprache von Kindern bei kommunalen Bauprojekten sogar gesetzlich vorgeschrieben. "Jeder Bürgermeister, der als innovativ gelten will, gründet heutzutage einen Kinderrat, der ihm hilft", erzählt Krüger.

Zudem verbringen Kinder viel mehr Zeit in Gruppen als noch vor fünf Jahren, weil die Kitas ausgebaut werden und immer mehr Mütter arbeiten. Im Idealfall ist das Spielen mit Gleichaltrigen ein Training dafür, gemeinsam mit anderen Entscheidungen zu fällen und dabei eben Kompromisse auszuhalten. Und so erstaunlich es klingen mag, dass nicht nur Schulklassen über gewählte Sprecher verfügen, sondern zunehmend auch Kita-Gruppen für Drei- oder Vierjährige: Pädagogen halten das für richtig. "Leider wissen noch zu wenige Erzieher, wie man mit kleinen Kindern am besten wählt", sagt Birgit Redlich, Kinder-Expertin am Göttinger Institut für Demokratieforschung. "Oft bestimmt am Ende doch die Erzieherin, wer eine Gruppe vertreten soll, oder es setzt sich einfach der durch, der am lautesten und am stärksten ist." Außerdem werde in Kitas häufig offen gewählt, im Stuhlkreis, per Handzeichen. Da traue sich manches Kind nicht, den besten Kumpel zu enttäuschen. "Auch kleine Kinder können schon anonym wählen, mit Fotos oder einzelnen Buchstaben auf Zetteln", sagt Redlich. Nur muss man darauf erst einmal kommen.

Das Politikangebot für Kinder ist explodiert. Inzwischen füllen Buchhandlungen ganze Regale mit Titeln wie Kanzler lieben Gummistiefel, ehrgeizige Eltern und Großeltern verschenken so etwas gern. Auch Museen und Stiftungen haben neben Jugendlichen die Kinder als Zielgruppe für politische Bildung entdeckt. So wie Gregor Dehmel von der Initiative Politik zum Anfassen. Vor 16 Jahren saß er für die CDU im Stadtrat von Hannover, von seinem Platz aus konnte er auf die Besuchertribüne sehen. Dort hockten oft Gruppen von Schülern, die während ihres Besuchs nur ein einziges Mal glücklich aussahen: in dem Moment, in dem sie die Sitzung verlassen durften. Gemeinsam mit seiner Frau Monika, die sich damals als ehrenamtliche Bürgermeisterin um den Hannoveraner Stadtteil Altwarmbüchen kümmerte, suchte er nach Ideen, mit denen sich Kinder für die Kommunalpolitik begeistern ließen. "Die Demokratie hat zu viele Chancen verpasst", sagt Monika Dehmel heute rückblickend.

* Name geändert