Eine echte Breitseite gegen die Digitalisierungsstrategien der Kirchen in Deutschland hat Hannes Leitlein vor zwei Wochen in Christ&Welt veröffentlicht. Und er hat recht: Die institutionellen Kirchen in Deutschland haben sich bisher nicht gerade als "early adopters", als frühe Nutzer und bewusste Treiber also, in der digitalen Transformation ihrer Arbeit hervorgetan. Sie laufen der technischen Entwicklung hinterher. Auch fehlt es am erfahrungsgesättigten Bewusstsein für die ethischen Pathologien digitaler Praxis, da die kirchlich aktiven Milieus oft nur das Nötigste an digitaler Nutzung praktizieren. In Fachkreisen wird seit mindestens einem Jahrzehnt über die Gefahren der Personalisierung – Stichwort Filterblasen – diskutiert. In kirchlichen oder von theologischer Ethik inspirierten Debatten kamen diese Fragen erst nach Trumps Wahl zum Präsidenten der USA an.

Die ethischen Herausforderungen der Digitalisierung liegen im Kern eines sozialen Protestantismus, wie er sich besonders in der evangelischen Kirche entwickelt hat. Dass viele Landeskirchen aber nur befristete Projektstellen und einzelne mehr oder minder erfolgreiche Digitalprojekte vorweisen können, ist deshalb tatsächlich kein Ruhmesblatt. Zu oft fühlen sich die wenigen Social-Media-Beauftragten wie einsame Prediger in der Wüste, deren Stimme kaum wahrgenommen und von den kirchenleitenden Organen kaum verstanden wird.

Wer also wie Leitlein nur Probleme sieht, wird genug Material für Kritik finden. Den Wert einer solchen Problemanzeige kann auch keiner bestreiten. Und doch greift Leitleins Analyse zu kurz. Die journalistische Zunft kann nur dann die Digitalisierung in den Kirchen sinnvoll thematisieren, wenn sie deren komplexes institutionelles Design wahr- und die Herausforderung des evangelischen Kirchenverständnisses ernst nimmt. Das "Priestertum aller Gläubigen" heißt dann nicht nur, dass Möglichkeiten der Vernetzung und Beteiligung im digitalen Raum wahrzunehmen sind. Es bedeutet eben auch, dass die Digitalisierung nicht per Dekret von oben verordnet werden kann. Wie aber sieht ein wirklich evangelischer Prozess zur Stärkung der digitalen Präsenz der Kirche aus?

Zunächst ist entscheidend, dass dabei nicht Alt gegen Jung ausgespielt wird. Konstruktiv gestalten kann die Kirche einen so tiefgreifenden Prozess nur dann, wenn sie durch einen digitalen Generationenvertrag gestützt ist. Die Menschen in der Kirche, die auf langjährige Erfahrung im Leben als christliche Gemeinschaft bauen können, braucht es genauso wie die unkonventionelle Frische der digitalen Avantgarde. Es werden sich also alle anstrengen müssen, die Lebenswelt und Denkweise der jeweils anderen zu verstehen. Der stete Wille zur Kommunikation und zur Empathie mit der Denkwelt der anderen ist nicht selbstverständlich. Im Gegenteil – er ist harte Arbeit. Was Max Weber für die Politik notiert hat, gilt auch für den steinigen Weg zur digitalen Kirche: Er ist ein "starkes, langsames Bohren harter Bretter mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich".

Gerade die evangelische Kirche mit ihren vielen Ebenen und Akteuren braucht den Dialog, um gemeinsam an einem digitalen Strang zu ziehen. Dass dabei Ängste, Kritik und mitunter Widerstand auftaucht, ist nicht überraschend. Im Gegenteil, es ist im protestantischen Verständnis von Kirche ausdrücklich gewünscht. Eine evangelische Digitalisierung von unten ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Sie ist angewiesen auf Geduld, Hartnäckigkeit und bewussten Widerstand gegen den Zynismus der Lehnstuhlkritiker, die die Kirche digital schon abgeschrieben haben. Auf dem Weg ins digitale Zeitalter wird die Kirche angewiesen sein auf Freiwillige und ein neues Engagement der Jugend. Das stellt sich bisher zu oft als schwierig dar.

Ein Kollege erzählte mir jüngst, dass er in seiner Gemeinde in der Kirchenband spiele. Daraufhin fragte ich, ob er in seiner Gemeinde schon einmal auf sein Programmiertalent angesprochen worden sei. Daran fehle es der Kirche doch an allen Ecken und Enden. Abwinkend antwortete er mir: "Ach, natürlich nicht, so was interessiert die doch nicht!" Aber warum eigentlich?, frage ich mich.

Wenn die Kirche weiterhin das digitale Talent der Freiwilligen in ihren Gemeinden verschwendet, wird es eng, denn der Generationenabbruch ist weit vorangeschritten. Wenn sie aber ihr Talent-Scouting fürs Digitale deutlich verbessert und die weitgehend brachliegenden Fähigkeiten der kirchenaffinen Programmierer, Webdesigner und Social-Media-Manager in ihren Reihen sucht, wertschätzt und einbindet, dann steht ihr eine digitale Blütezeit bevor.

Es sind solche Gedanken zur Wertschätzung digitaler Talente und Räume, mit denen ich meinen Vater als evangelischen Kirchenmann immer wieder konfrontiere. Sollte der Druck durch Gremien, Gemeinden oder Öffentlichkeit also für die Verantwortlichen nicht schon groß genug sein: Fast alle haben Kinder, Enkel, Neffen und Nichten. Deren Fragen und Konflikte sind nur noch teilweise die der älteren Generation. Was manch Älteren als große Veränderung erscheint, ist ihnen selbstverständlich.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Ich bin so alt wie das Internet. Um mir eine Welt ohne das Internet vorzustellen, muss ich die Geschichtsbücher bemühen oder mich bewusst einfühlen in die Lebenspraxis derjenigen, die das Internet noch immer für Teufelszeug halten. Das ist nicht immer leicht, aber ohne Frage entscheidend für die gelingende Gestaltung der digitalen Revolution. Auch in den Synoden der evangelischen Kirche meldet sich die Generation der "digital natives" nun immer deutlicher zu Wort. Sie wird in Sachen Digitalisierung auch nicht klein beigeben. Das Generationengespräch wird deswegen immer wichtiger.

Die Facebook-Seite meines Vaters ist ein erstes Ergebnis dieses Generationengesprächs im Kreise der Familie. Und selbst wenn der Aufbau kirchlicher Präsenz in den sozialen Medien noch im Anfangsstadium ist, die Seite ist ein erster Schritt auf dem Weg zur kommunikativen Infrastruktur der kirchlichen Zukunft. Auch das ist in generationenübergreifender Weise Digitalisierung von unten.

Korrekturhinweis: In der Printausgabe dieses Artikels wurde der Autor als "Digitalberater" des Ratsvorsitzenden vorgestellt. Ein solches Amt übt Jonas Bedford-Strohm nicht aus. Wir haben das online korrigiert. Die Redaktion