Angela Rinn ist habilitierte evangelische Theologin, Mitglied der EKD-Synode und Pfarrerin in Mainz-Gonsenheim. Unter dem Namen Vera Bleibtreu schreibt sie Krimis. © Harald Oppitz/KNA

Ein wunderschöner Frühlingstag, die Sonne strahlt, die Vögel zwitschern sich die Seele aus dem Leib, und die blühenden Osterglocken tun ihr Bestes, um den Tag zu perfektionieren. Doch eine kurze Mail genügt, um mir den Morgen zu verhageln. "Aus familiären Gründen sind wir kurzfristig nicht in der Stadt und müssen unser Kind für den Vorstellungsgottesdienst abmelden."

Eigentlich ist dieser Gottesdienst, den die Jugendlichen selbst gestalten und den sie über mehrere Tage auf einer Freizeit vorbereitet haben, verpflichtende Voraussetzung für die Konfirmation. Eigentlich. Denn was verpflichtend ist oder nicht, entscheiden manche Eltern nach kurzfristigem Gutdünken. Ich kann mich noch gut an den Beginn der Konfirmandenzeit erinnern. Da hatte mich seine Mutter gefragt, ob ich mich denn den Jugendlichen gewachsen fühle. "Sie sind nicht bösartig, sie sind nur … wild", erklärte sie. Rückblickend finde ich: Den Jugendlichen war und bin ich schon gewachsen, aber gegen die Haltung mancher Eltern bin ich machtlos.

Und es ist jedes Jahr das Gleiche. Alle stimmen zu Beginn der Zeit den Bedingungen zu, die meisten halten sich auch glücklicherweise daran, aber es gibt immer wieder einzelne Eltern, die einfach nicht befolgen, was sie unterschrieben haben. Das kann wirklich frustrierend sein. Die Leiter von Sportgruppen und die Lehrerinnen und Lehrer in der Schule teilen meine Erfahrungen. Nur dass die bessere Druckmittel haben als ich. In der Schule gibt es Noten, und die Sportvereine schließen sehr konsequent diejenigen aus, die am Training oder Wettkampf nicht teilnehmen. Konfirmandenunterricht ist eine freiwillige Angelegenheit, und ich will die Konfirmandinnen und Konfirmanden ja auch begeistern und nicht unter Druck setzen. Doch auch eine freiwillige Aktivität kommt nicht ohne gegenseitige Vereinbarungen und Verpflichtungen aus. Die Eltern verlassen sich ganz selbstverständlich darauf, dass ich meine Arbeit sorgfältig und umsichtig erledige und mir Mühe mit ihren Kindern gebe – umgekehrt gibt es jedes Jahr ein oder zwei Elternpaare, für die Vereinbarungen leider nicht ganz so selbstverständlich sind.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Sicher – ich könnte diesen Konfirmanden von der Konfirmation ausschließen. Ich hätte dabei sogar den Kirchenvorstand auf meiner Seite. Denn der Kirchenvorstand ärgert sich sehr darüber, wenn die Konfirmandenzeit nicht ernst genommen wird. Aber was wären die Konsequenzen? Der Leidtragende wäre der Jugendliche, der sich aus einem "wilden Feger" in der Konfirmandenzeit zu einem interessierten jungen Menschen entwickelt hat. Was kann er für seine Eltern? Ich denke auch daran, wie viel Freude ich mit und an den Konfirmanden habe. Soll ich mir das vermiesen lassen, nur weil sich Erwachsene nicht an Verabredungen halten?

Allerdings ist die Frage erlaubt, was junge Menschen aus der Haltung ihrer Eltern lernen. Es ist wohlfeil, sich über die Jugend aufzuregen. Ich tue das nicht. Ich mag Kinder. Ihre Eltern auch. Im Prinzip. Bei Einzelnen bin ich mir manchmal nicht so sicher. Ich schaue aus dem Fenster. Die Sonne scheint, die Vögel singen, die Osterglocken blühen. Manchmal ist mein Gehalt auch Schmerzensgeld. Der Tag bleibt trotzdem schön. Menschen sind Menschen. Man muss sie mit Humor nehmen. Als Pfarrerin müsste ich das eigentlich wissen.