Aufrecht und aufgeräumt steht Konrad Pesendorfer am Pult, in roter Krawatte und weißem Hemd, der graue Anzug sitzt perfekt. Es ist neun Uhr morgens, ein Dutzend Journalisten sitzt im Raum, und Pesendorfer, der Generaldirektor der Statistik Austria, beschreibt das aktuelle Budgetdefizit. Nichts erinnert an einen langatmigen Erbsenzähler. Der oberste Statistiker der Republik agiert wie ein Ökonom und Politikberater in Personalunion. Kameras, Blitzlicht und Livestream: Unaufgeregt referiert er ein Schaubild nach dem anderen. Für Pesendorfer ist das Routine – und seine liebste Rolle.

Seit sieben Jahren leitet der 48-jährige Wiener eine der wichtigsten Bundesanstalten des Landes. Die 800 Mitarbeiter des Datenspeichers vermessen Tag für Tag die Republik, werten die Zahlenmeere aus, die sie aus allen nur erdenklichen Kanälen saugen: Behörden, Bezirksverwaltungen oder Gemeinderegister. Dazu kommt noch das Zahlenmaterial, das die Statistik Austria selbst erhebt. Unter Pesendorfer hat die Behörde an Bedeutung gewonnen. Lag früher die Deutungshoheit über Wirtschaftsstatistiken beim Wirtschaftsforschungsinstitut und dem Institut für Höhere Studien, tritt Pesendorfer nun selbst in die Öffentlichkeit. Eifrig erläutert er in den Medien seine nackten Daten und verbreitet das statistische Material sogar auf einem eigenen Twitter-Account. Die früher farblose Zentralregistratur der Republik in Wien-Simmering wurde unter ihm zu einem politischen Faktor, der sich in alle wichtigen Debatten einschalten will.

Am Ende des Pressegesprächs schüttelt Pesendorfer Hände, klopft auf Schultern, lächelt. Bevor die Reporter den Raum verlassen, fragt er noch: "Will mir niemand eine politische Aussage entlocken? Na gut, dann bekommen Sie sie auch nicht."

Mit der flapsigen Bemerkung reagiert Pesendorfer auf einen Vorwurf, mit dem er sich seit einigen Wochen herumschlagen muss: Er, der ehemalige wirtschaftspolitische Berater von Ex-Kanzler Werner Faymann, würde mit den Zahlen, die er in die Welt setzt, eine politische Agenda betreiben und versuchen, die politische Willensbildung zu beeinflussen. Etwa wenn er in der Wiener Stadtzeitung Falter auf einer eigenen Seite wöchentlich Statistiken interpretiert oder wenn er gesellschaftspolitisch brisante Aussagen, wie kürzlich via Twitter, verbreitet: "Frauen verdienen in Ö in der Privatwirtschaft pro Stunde im Durchschnitt 22% weniger als Männer (EU: 17%)." Pesendorfer habe, beanstandeten Kritiker, einen unbereinigten Lohnvergleich präsentiert. Hätte er Faktoren wie Qualifikation, Alter und Branche berücksichtigt, läge der Gender-Pay-Gap lediglich bei zwölf Prozent.

Eine konservative Tageszeitung witterte deshalb unlängst gar eine sozialdemokratische Datenverschwörung: Pesendorfer betreibe mit seinen Analysen rote Politik. Er selbst weist das natürlich zurück. "Manchen stößt es eben schon sauer auf, wenn Problemstellungen neutral geschildert werden", sagt er. Er tue nichts anderes, als Problemlagen zu beschreiben und Zahlen in einen Kontext zu setzen. "Ich sage nicht, welche politischen Maßnahmen darauf folgen müssten." Bei dem Gender-Gap-Beispiel habe er sich an die internationale Definition gehalten.

Pesendorfer ist ein schlanker, groß gewachsener Mann, der in einem Moment nahbar wirkt und im nächsten kühle Distanz ausstrahlt. Sein Büro liegt im sechsten Stock des verglasten Gebäudekomplexes der Statistik Austria, ein länglicher Raum mit Fensterfront und Wohnzimmerflair. An einem Ende steht ein breiter Schreibtisch, am anderen eine schwarze Ledergarnitur. Dort lässt sich der Herr der Zahlen nieder.

Natürlich ist ihm bewusst, dass Statistik nie Selbstzweck ist, sondern stets aus einer bestimmten Perspektive die gesellschaftliche Wirklichkeit beschreibt. Zahlen mögen neutral sein, die Art und Weise, wie sie aufbereitet werden, ist es kaum jemals. Folgerichtig sieht sich der Chef-Statistiker in der Tradition des Nationalökonomen Otto Neurath, des Schöpfers der Wiener Methode der Bildstatistik. So wie Neurath, der mit seiner Bildsprache das Bildungsprivileg der Eliten brechen und komplexe Sachverhalte den unkundigen Massen veranschaulichen wollte, so versucht Pesendorfer, Menschen Daten und Fakten näherzubringen, die sich leicht im Labyrinth der Statistik verirren könnten. "Mit geeigneter Visualisierung und indem ich sie mit dem erforderlichen Kontext versehe", sagt er. Neurath galt aber auch als politischer Wissenschaftler, er benutzte ab 1918 statistische Methoden, um die Vorteile des Roten Wiens zu propagieren.