Sonntagmorgen in einer katholischen Kirche in Hamburg. Rund 50 Menschen lauschen dem Gottesdienst, die meisten silberhaarig. Auf der Bank in der dritten Reihe sitzt, ganz allein, eine junge Frau mit schwarzem Haar. Die anderen tragen Jeans, Pullover und bunte Jack-Wolfskin-Jacken. Die junge Frau trägt Perlenohrringe, schwarze Bluse und weißen Spitzenrock. Als Einzige ist sie gekleidet wie zu einem Festtag. Nach dem Gottesdienst geht sie hinüber zur Marienfigur in der Ecke und betet still. Sie bleibt länger sitzen als alle anderen.

"Mariam, wie geht es dir?", ruft der Diakon, ein älterer, schwerer Herr. "Wann bringst du deinen Freund mal wieder mit?", fragt eine Dame mit weißen Locken. Mariam stammt aus Syrien, sie ist 28 Jahre alt, lebt seit zweieinhalb Jahren in Deutschland. Lächelnd plaudert sie mit den anderen. Sie mag die alten Menschen, wird sie später sagen. Nur eine Frage, die sie ihr oft stellen, mag sie nicht: "Warum bist du ganz allein in Deutschland?"

"Ist eben so", sagt sie dann und wechselt das Thema. Mariam kommt jeden Sonntag in die Kirche, die Menschen hier kennen sie. Doch niemand kennt ihre Geschichte. Niemand ahnt, dass Mariam früher nicht in der Bibel las, sondern im Koran. Dass sie Menschen wie diese freundlichen älteren Herren und Damen für Kuffar hielt, Ungläubige.

Und niemand weiß, dass Mariam nicht nur vor dem Krieg geflohen ist, sondern auch vor ihrem Bruder, ihrem Onkel und den anderen Menschen, die geschworen haben, sie umzubringen. Denn Mariam ist vom Islam zum Christentum konvertiert, nicht erst in Deutschland, sondern schon vor Jahren, daheim in Syrien. Und wer das tut, der verdient in den Augen jener Menschen, mit denen sie aufwuchs, den Tod.

Es gibt keine gesicherten Zahlen darüber, wie viele Konvertiten als Flüchtlinge in Deutschland leben. Sicher ist nur, dass sich in zahlreichen Gemeinden Neuchristen finden, so wie Mariam. Sie heißt eigentlich anders, ihren wahren Namen will sie nicht veröffentlichen, auch kein Foto. Sie fürchtet sich nicht nur vor ihrer Familie. Mariam engagiert sich ehrenamtlich für Flüchtlinge, begleitet sie zu Behörden, übersetzt Dokumente. Die meisten der Menschen, denen sie hilft, sind Muslime. Sie akzeptieren Mariam als Christin. Aber sie sollen nicht wissen, dass sie einmal selbst muslimisch war. Nach klassischer Lesart der islamischen Gesetze wird das Abfallen vom Islam mit dem Tod bestraft; manche muslimischen Länder wie der Sudan, Jemen und Saudi-Arabien haben die Todesstrafe für "Apostaten" im Gesetz verankert. Auch in Deutschland wurden schon Flüchtlinge, die zum Christentum konvertierten, von ihren früheren Glaubensbrüdern bedroht. "Ich will einfach keine Probleme", sagt Mariam.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Nichts deutete in ihrer Kindheit darauf hin, dass sie eines Tages allein in einer norddeutschen Kirche sitzen würde. Sie wuchs in einem Dorf in der südsyrischen Provinz Daraa auf, nahe der jordanischen Grenze; eine ländliche Gegend, geprägt von braunem Ackerland. Ihr Vater baute Obst und Gemüse an und verkaufte es auf dem Markt, wie die meisten Männer im Dorf. Mariam war das sechste von zehn Kindern. Die Mutter hatte im Alter von zwölf Jahren geheiratet, ihre Brüder hatten die Ehe arrangiert. Weder sie noch ihr Mann hatten je lesen und schreiben gelernt.

Die Eltern waren konservativ wie alle Menschen im Dorf, erzählt Mariam, aber nicht strenggläubig. Der Vater ging nicht in die Moschee, sondern verbrachte die meiste Zeit draußen auf dem Feld. "Das Wichtigste für ihn war, Essen auf den Tisch zu bringen." Allerdings hatte nicht ihr Vater das letzte Wort in der Familie, sondern der älteste Sohn, Ahmed, elf Jahre älter als Mariam selbst. Er habe ihre Schwestern und sie oft geschlagen, erzählt sie. Anders als der Vater nahm Ahmed seinen Glauben sehr ernst, ging fünfmal am Tag in die Moschee und kaufte Mariam ein Kopftuch, als sie gerade sieben oder acht Jahre alt war.

Zum ersten Mal begegnete sie Jesus, als sie noch gar nicht wusste, wer er ist. Als kleines Kind wollte sie manchmal von zu Hause ausreißen, zu den Großeltern. Zur Strafe habe ihre Mutter ihr eine Schlinge um die Handgelenke gebunden und am Fenstergitter eines kleinen Zimmers befestigt, erzählt sie. Dort hing ein Teppich an der Wand, der einen bärtigen Mann beim Hüten von Schafen zeigte. Ihre Großmutter, die aus dem Libanon stammte, hatte den Teppich mitgebracht und der Familie geschenkt. "Immer, wenn meine Mutter mich in das Zimmer sperrte, habe ich mit dem Mann auf dem Teppich gesprochen", erinnert sie sich. "Plötzlich hatte ich das Gefühl, ich bin nicht mehr allein."

Sie war viel älter, 17 oder 18, als sie bei einer Blutuntersuchung im Krankenhaus einen jungen Arzt kennenlernte. Er bat sie, ihn wegen der Ergebnisse anzurufen – ein Vorwand, um mit ihr ins Gespräch zu kommen, wie sie bald erfuhr. Er wollte sie wiedersehen, Mariam lehnte ab. Doch sie rief ihn weiterhin an, heimlich, über eine separate Telefonkarte; ihre Familie hätte Kontakt zu einem fremden Mann niemals erlaubt. Die beiden erzählten einander von ihrem Leben, ihrem Alltag. "Er hat mich immer verstanden", erinnert sich Mariam, "das hat sich gut angefühlt." Nach einigen Monaten gab der Arzt sich als Christ zu erkennen. Paradoxerweise habe sie erleichtert reagiert: Zwar war er damit in ihren Augen ein Ungläubiger, doch zugleich sank das Risiko, dass er sie als schlechte Muslimin verurteilte oder womöglich bei ihren Brüdern anschwärzte. "Ich dachte: Jetzt bin ich in Sicherheit."