Der Mann hat eine Vision; eine politische, wie er sagt. Raymond Loretan glaubt, dass möglich ist, was die meisten seiner Kollegen längst aufgegeben haben: die Gesundheitskosten in der Schweiz zu stabilisieren. Und der Verwaltungsratspräsident von Swiss Medical Network (SMN), der zweitgrößten Schweizer Privatklinik-Gruppe, weiß auch, was sein Beitrag dazu wäre. "Wir wollen 20 bis 25 Kliniken in der deutschen, italienischen und französischen Schweiz integrieren", sagt er. Also aus öffentlichen Spitälern private Häuser machen. Loretan verspricht: "Wir können dieselbe Leistung im Schnitt zehn Prozent günstiger erbringen als ein öffentliches Akutspital."

Neu ist diese Idee nicht. Bereits vor neun Jahren hat man im Kanton Glarus mit dem Gedanken gespielt, mit der Hirslanden-Gruppe aus Zürich zusammenzuspannen. Die Kooperation aber kam nicht zustande. Ende März nun dachte man an einen verfrühten Aprilscherz, als bekannt wurde, dass der Hirslanden-CEO Ole Wiesinger der Zürcher Gesundheitsvorsteherin Claudia Nielsen Avancen machte. Sein Vorschlag: Seine Firma übernimmt das Management der beiden defizitären Stadtspitäler Waid und Triemli. Auch er verspricht: mehr Effizienz.

Loretan und Wiesinger wissen: Die Operation Privatisierung hat längst begonnen.

Landauf, landab werden Spitäler aus den kantonalen oder kommunalen Verwaltungen gelöst und in Aktiengesellschaften überführt. So stimmt der Kanton Zürich am 21. Mai darüber ab, ob dies auch mit dem Kantonsspital Winterthur (KSW) und der Integrierten Psychiatrie Winterthur (IPW) geschehen soll.

Schaffen die Privaten, was der Politik nicht gelingt?

Es war im Jahr 2012, als das Schweizer Spitalwesen völlig neu aufgestellt wurde. Die freie Spitalwahl und das Abrechnungssystem über Fallpauschalen – fixe Preise für fixe Diagnosen – sollten mehr Wettbewerb ins Gesundheitswesen bringen. Denn die zu vielen Betten in zu vielen Spitälern fördern unnötige Behandlungen, die wiederum nicht nur teuer, sondern für die Patienten auch gefährlich sein können. Je kleiner ein Spital, desto weniger Routine haben die Ärzte bei einem einzelnen Eingriff.

Heute, fünf Jahre später, sind sich Fachleute und Politiker einig: Der Wettbewerb funktioniert nicht – oder noch nicht, wie Spitalunternehmer wie Loretan und Wiesinger sagen würden.

Was mit den Fallpauschalen nicht gelang, sollen nun die Privatisierungen schaffen. Eine radikale Flurbereinigung im Schweizer Gesundheitswesen. Häuser, die am Markt nicht bestehen, werden endlich verschwinden.

Die Formel dafür, die bereits in Solothurn, Aarau, Baden und Zug angewendet wird, sie lautet: Die Spitäler brauchen mehr Distanz zur Politik und Verwaltung. Nur so können sie unabhängig, sprich nach ökonomischen statt politischen Maßstäben entscheiden, also rasch, flexibel und mit unternehmerischen Freiheiten agieren. Etwa in der Frage, wie viel das Personal verdient, das in einer Aktiengesellschaft nicht mehr nach kantonalen Ansätzen entlöhnt, sondern zu "konkurrenzfähigen" Bedingungen angestellt werden würde. Oder beim Entscheid, wenn es darum geht, ein Haus weiter zu betreiben oder zu schließen.