Manche wird es vielleicht enttäuschen, aber das Lama, einschließlich seiner feinwolligen Verwandten Alpaka und Vikunja, ist nichts weiter als ein kleines Kamel, sozusagen ein Bergkamel, das sich den großen Höhen der Anden angepasst hat, im Gegensatz zu den großen asiatischen Wüstenkamelen, dem Dromedar und dem Trampeltier, die sich zu Experten in Sachen Trockenheit entwickelt haben. Die Zoologen sprechen von Altweltkamelen (in Asien) und von Neuweltkamelen (in Südamerika).

Die Verwandtschaft ist so eng, dass beide dazu neigen, im Zorn zu spucken, obwohl man meinen sollte, dass die Wüstenbewohner keine Flüssigkeit zu vergeuden hätten. Aber die "thymotische Energie" (Peter Sloterdijk) ist offenbar stärker als die Bereitschaft zur Anpassung an begrenzte Ressourcen; man kennt das von sinnlos wütenden Menschen, die Porzellan zerschmeißen, dessen Wiederbeschaffungswert ihr Monatseinkommen bei Weitem übersteigt. Verglichen mit dem Zerstörungspotenzial einer gut geworfenen Meißener Suppenterrine, ist allerdings die Schadenswirkung der Kamelspucke minimal, und erst recht, wenn man sie mit dem vergleicht, was manche Giftschlangen ihrem Opfer ins Gesicht speien.

Freilich legt nur die deutsche Wortbildung nahe, dass es sich bei dem, was Kamele und Lamas spucken, um Spucke (hochsprachlich: Speichel) handelt; in Wahrheit würgen sie etwas Magensaft hoch, oft vermischt mit gerade Verzehrtem, sodass man dann gegebenenfalls ein nasses Grasklümpchen am Revers kleben hat. Muss aber nicht sein. Den ganzen Spuckvorgang, obwohl aggressiv gemeint, darf man sich überhaupt nicht zu dramatisch vorstellen, vor allem nicht bei den kleineren Lama-Arten. Das süße schwarze Alpaka, das ich im Hamburger Zoo (erlaubtermaßen) fütterte, erboste sich zwar beträchtlich, als das Grünzeug zu Ende war, machte dann aber nur zwei beleidigte Schritte rückwärts, schürzte die Lippen und entsandte einen feinen Sprühregen in meine Richtung. Die Tröpfchen waren so fein zerstäubt, dass sie mich – es war ein heißer Tag – wie ein erfrischender Nieselschleier erreichten, der auf meiner Haut kühlend verdunstete. Gleich darauf kam das Alpaka wieder an den Zaun, um zu überprüfen, ob ich den Tadel verstanden hätte und nunmehr wieder bereit sei, Grünzeug herauszurücken. Dummerweise hatte ich nicht mehr als das verfütterte Bündel an der Zookasse gekauft, darüber hinaus gab es nur noch ein Butterbrot in meiner Tasche. Hätte ich es nachschieben sollen oder sogar müssen? Die moralische Verpflichtung, die ich empfand, lag im Widerstreit mit medizinischen Bedenken und der Furcht vor dem Aufsichtspersonal des Zoos.

Das Alpaka hatte in erzieherischer Absicht mit mir zu kommunizieren versucht, das war rührend; aber nun ereignete sich wieder, woran die meisten pädagogischen Anstrengungen der Tiere gegenüber dem Menschen scheitern: Ich nahm mehr Rücksicht auf meine Gedankenwelt und die meiner Artgenossen als auf die Bitte des Tieres. Hätte das Alpaka nicht selbst entscheiden können, ob es ein Gurkensandwich essen möchte? Aber nein, natürlich nicht: Ich erhob mich aus der freundlichen Kauerstellung, die ich zuvor innegehabt hatte, und wandte mich im Vollbesitz meiner paternalistischen Überlegenheit von dem Gehege ab.

So geht das immer. Man gestattet ja auch seinem Hund niemals, endlich einmal dem bösen weißen Terrier der Nachbarschaft Bescheid zu geben oder das dämlich gackernde Huhn aus dem Stall zu holen. Der Mensch ist ein Monster der Bevormundung und setzt dabei Mittel ein, die an Fernwirkung die Kamelspucke bei Weitem übertreffen.

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