"Wer sind unsere Feinde? Wer sind unsere Freunde? Das ist eine Frage, die für die Revolution erstrangige Bedeutung hat" – Worte des Großen Vorsitzenden Mao Zedong, nachzulesen auf Seite 15 der "Mao-Bibel", die vor 50 Jahren erstmals in der Bundesrepublik erschien. Die deutschsprachige Ausgabe der roten Sprüchesammlung wurde zu einem Kultbüchlein der 68er-Bewegung. Von China lernen hieß siegen lernen: Eine "Kulturrevolution", so etwas wollte man auch im Westen anzetteln – von den chinesischen Gräueln wusste man nicht oder wollte nicht von ihnen wissen. Rudi Dutschke pries Maos Vorgehen als Modell. Mitglieder der Kommune 1 verkleideten sich als Rote Garden, importierten und verkauften die "Mao-Bibel" und lasen bei Gericht aus ihr vor. Im Sommer 1968 zerfiel die antiautoritäre Bewegung auf ihrem Höhepunkt. Nun bildeten sich die ersten größeren dogmatischen Gruppen, die Maos Ideen für den Aufbau einer maoistischen kommunistischen Partei studierten – die sogenannte ML-Bewegung entstand, ML für "Marxismus-Leninismus".

Aber wusste die revolutionäre deutsche Linke auch, wer ihre Feinde waren und wer ihre Freunde?

Ein Blick in Archive, abgelegene Publikationen und überlesene Kapitel viel zitierter Bücher legt eine klare Antwort nahe: Nein. Denn der Maoismus schwappte, was kaum bekannt ist, schon in die Bundesrepublik, bevor die Studentenbewegung mit der Kulturrevolution flirtete. Anfang der sechziger Jahre, unmittelbar nach Chinas offenem Bruch mit der Sowjetunion, trafen immer mehr chinesische Propagandamaterialien ein – mit Flugzeugen, Schiffen und Botschaftsautos. Westdeutsche Postboten trugen sie aus. Und ausgerechnet der Verfassungsschutz war es, der dahintersteckte. Ungebeten half er der chinesischen Regierung, den Maoismus an die richtigen Adressen zu bringen: in die Briefkästen von Mitgliedern der verbotenen sowjetnahen KPD. "Alles, was der Feind bekämpft, müssen wir unterstützen; alles, was der Feind unterstützt, müssen wir bekämpfen" – Worte des Großen Vorsitzenden Mao Zedong.

Gut fünf Jahre zuvor, 1956, hatte sich der Streit zwischen China und der Sowjetunion über den richtigen Weg zum Kommunismus angebahnt. Nikita Chruschtschow kritisierte damals in seiner berühmten Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU den Stalinismus – auch um Reformen einzuleiten. Als daraufhin Aufstände in einigen Ostblockstaaten ausbrachen, griff der sowjetische Staat jedoch hart durch: Ende des Jahres marschierte die Rote Armee in Ungarn ein und schlug die dortigen Proteste nieder. Mao bezeichnete die Sowjetunion deshalb als "sozialimperialistisch". Wie die USA, nur unter dem Deckmantel des Sozialismus, setze sie ihre Macht mit militärischer Gewalt durch. Zudem sei sie "revisionistisch", weil sie die Weltrevolution aufgegeben und sich letztlich mit dem Westen arrangiert habe.

Damit durchbrach Mao die binäre Logik des Kalten Krieges. Das kommunistische Lager begann sich zu spalten. Die chinesische Regierung stilisierte den Maoismus fortan zum "Dritten Weg"; er sollte eine radikale Alternative bieten zum westlichen Kapitalismus wie zum sowjetischen Staatssozialismus.

Dieser "Dritte Weg" war für die Neue Linke im Westen äußerst attraktiv. Die 68er feierten den Maoismus als eine "reine Form" des Sozialismus – revolutionär, jung, solidarisch. Schon Jahre zuvor indes entdeckten ihn die Sicherheitsbehörden als Mittel im Kampf gegen den Feind im Kalten Krieg: gegen die Sowjetunion, die sich nun an zwei Fronten behaupten musste.

1978 enthüllte der ehemalige Chef des Verfassungsschutzes Günther Nollau in seinem Buch Das Amt, mit welchen Methoden seine Behörde die SED und deren Bruderpartei in Westdeutschland bekämpfte. Drei Jahre zuvor hatte Nollau wegen der "Guillaume-Affäre" abdanken müssen: Ein Stasi-Spion hatte es bis ins Kanzleramt geschafft – der Skandal besiegelte das Ende von Willy Brandts Kanzlerschaft. Was hatte Nollau dazu zu sagen? Diese Frage vor allem bewegte die Öffentlichkeit, als sein Buch erschien; seine übrigen Schilderungen gingen darüber fast vollständig unter. Dabei waren sie nicht minder brisant.

Ausführlich beschreibt Nollau, wie seine Behörde zunächst die KPD unterwanderte und dann 1956 das Verbot der Partei vorbereitete. Dies sei "eine unserer Hauptaufgaben" gewesen, in Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten der Alliierten; der Kalte Krieg befand sich damals auf einem ersten Höhepunkt.

Mit dem KPD-Verbot war es für den Verfassungsschutz allerdings nicht getan. Auch danach beschäftigte er noch "Dutzende von geheimen Vertrauensleuten" in der nun illegalen Partei. Das Ziel war ihre Spaltung: "Geheimdienstliche Arbeit besteht nicht nur darin, Nachrichten und Material herbeizuschaffen, das zur Festnahme von Verfassungsfeinden dienen kann. Wer die Besonderheiten der Untergrundarbeit erkannt hat, kann auch mit feinerer Klinge fechten. Ich hatte die Gelegenheit, das zu probieren", schreibt Nollau nicht ohne Stolz.

Zunächst erfand er zu diesem Zweck das Propagandablatt Der Dritte Weg, das er an namentlich bekannte Kommunisten in Ost- und Westdeutschland senden ließ. Die Verfassungsschützer hofften, die Zeitung "werde in der illegalen KPD zersetzend wirken und uns die Möglichkeit eröffnen, unter den Dissidenten, die wir kennenzulernen hofften, Informanten zu gewinnen". Das Kalkül ging auf: Interessenten wandten sich an das angegebene Koblenzer Postfach, um weitere Ausgaben zugeschickt zu bekommen. So kam der Verfassungsschutz an "Anschriften ideologischer Abweichler".