DIE ZEIT: Ms. Atwood, Ihre Bücher sind Bestseller in den USA. Ihr 1985 erschienener dystopischer Roman Der Report der Magd über eine puritanische Theokratie in den USA wirkt heute fast prophetisch ...

Margaret Atwood: (hebt abwehrend ihre Hände) Ich war’s nicht! Es ist nicht meine Schuld, dass Trump gewählt wurde! (lacht) Leute wie Mike Pence waren schon damals gegen die Rechte der Frauen oder der Minderheiten und für einen starken Polizeistaat. Menschen dieses politischen Schlages wollen seit 50 Jahren dasselbe. Wenn sie sagen, sie werden das umsetzen, sobald sie an der Macht sind, glaube ich ihnen. Viele sind der Meinung, Trump sei ein inkompetenter Clown. Das ist falsch. Er sorgt für Fehlinformationen, lenkt vorne ab, während er hintenrum tut, was er wirklich will.

ZEIT: Das Buch erschien in einer ganz anderen Zeit. Was gibt es Lesern heute?

Atwood: Kurz nach dem Mauerfall war ich in Berlin zur Premiere der Verfilmung von Der Report der Magd, zuerst im Westen, dann im Osten. Im Westen drehten sich die Diskussionen um künstlerische Entscheidungen, weil das Publikum den Film nicht wirklich ernst genommen hatte. Im Osten war der Saal brechend voll. Die Leute sagten mir, sie hätten darin etwas aus ihrem Leben wiedererkannt, das Gefühl, niemandem vertrauen zu können, für ein falsches Wort in Schwierigkeiten zu geraten. Im Westen verstand man nicht, dass so etwas in den USA passieren könnte, man verstand nicht, dass die totalitäre Theokratie der Puritaner die Grundlage der amerikanischen Gesellschaft bildet. Von Zeit zu Zeit brodelt sie hervor, wie jetzt gerade, mit anderen bizarren Zutaten angereichert.

ZEIT: Sie gelten auch als eine der wichtigsten feministischen Schriftstellerinnen der Welt. Was halten Sie von der Entwicklung der Frauenbewegung in den letzten 30 Jahren?

Atwood: Während der zweiten Welle des Feminismus, ab dem Ende der Sechziger, ging es vor allem um rechtliche Gleichstellung und das Recht auf Arbeit. Die brannte viele aus. In den Achtzigern und Neunzigern wandten sich junge Frauen vom Feminismus ab. Heute kommen viele wieder darauf zurück. Nicht nur wegen Trump. Sie erschreckt die Vorstellung, dass ihnen vieles genommen werden könnte, was sie für selbstverständlich erachten, wie das Recht auf Abtreibung und eine Gesundheitsversorgung. Kürzlich sagte ein amerikanischer Politiker, er sehe keinen Grund, warum Männer für die Kosten einer Geburt aufkommen sollten. Mir fiele da ein entscheidender Grund ein. Solche Äußerungen mobilisieren immer mehr Frauen, wir werden sehen, ob sie Erfolg haben. Man kann ja nicht die Hälfte der Menschheit in einen Topf werfen. Auch viele Frauen haben Trump gewählt, also haben offenbar nicht alle Frauen dieselbe politische Meinung. Sie sind auch nicht alle moralisch bewundernswürdig.

ZEIT: Können Sie sich ausmalen, was als Nächstes passieren wird?

Atwood: (lacht) Niemand kennt die Zukunft, aber von mir wird das oft erwartet. Man kann nur begründete Vermutungen anstellen: Die Wetterphänomene werden extremer, wenn wir keine Technologien finden, die uns retten. Dann wird die Lebensmittelversorgung schwierig und die Bevölkerung unruhiger. Ein Aufstand gegen die Regierung wird wahrscheinlicher, welche auch immer dann gerade an der Macht ist. Je nachdem, wie dieser Aufstand ausgeht, wird es danach völlige Anarchie geben oder aber ein totalitäres Regime.

ZEIT: Sie sind ja heiter drauf. Und wie sähe eine positive Vision, eine Utopie aus?

Atwood: Immer gleich: Menschen wollen auf einer Anhöhe leben, die ein Gewässer überblickt. In Darstellungen von Utopien findet sich die Natur immer im Hintergrund, etwa ein Wald, aber keine unkontrollierte Natur. Heute sehen die Häuser von Reichen so aus. Aber schon als wir noch Jäger in der Savanne waren, brauchten wir ein Wasserloch, um Beute anzulocken, einen Wald, um Feuerholz und Beeren zu sammeln, eine Anhöhe, damit Feinde es schwerer hatten, uns anzugreifen. Auch was das Zusammenleben betrifft, wollen alle das Gleiche: Jeder soll glücklich sein, niemand jemanden umbringen, und es soll keine Armen geben. Aber wenn wir die Gesellschaften wirklich verbessern wollen, dann müssen wir den CO₂-Ausstoß verringern und dürfen die Ozeane nicht kaputt machen, unsere Lebensgrundlage nicht zerstören. Wir bräuchten eine Gesellschaft, in der niemand dazu verdammt ist, in der sozialen Klasse zu verharren, in die sie oder er hineingeboren wurde. Das wäre meine realistische Utopie.

ZEIT: Sie äußern sich kritisch über Technologien, sind aber sehr technikaffin: Sie twittern eifrig, und Sie besitzen sogar Patente auf einen Roboterstift, mit dem Autoren aus der Ferne Unterschriften abgeben können. Wie passt das zusammen?

Atwood: Ich war schon als Kind eine große Tüftlerin. Wir lebten in Kanada im Wald an einem See, wir mussten immer das Motorboot nehmen, um irgendwo hinzukommen. Wenn etwas kaputtging, musste man wissen, wie man es selber repariert. In der Highschool musste ich einen Berufseignungstest machen. Dabei kam raus: Bibliothekarin oder Automechanikerin. Ich wette, nicht viele Mädchen in den Fünfzigern bekamen das gesagt. Man muss überlegen, wofür eine Technologie da ist und was sie genau tut. Es gibt immer eine gute Seite, eine schlechte und etwas richtig Dämliches, woran man nicht gedacht hat. Man kann eine billige Energiequelle finden, doch dann passiert eine Kernschmelze, und man hat Tschernobyl. Die gute Seite daran ist, dass es dort wieder wilde Tiere gibt. Jetzt zwar mit drei Augen, aber immerhin.

ZEIT: Sie schreiben oft über den Weltuntergang, aber Sie haben die einzige Kopie Ihres Romans Scribbler Moon dem norwegischen Future Library Project übergeben. Erst 2114 wird ihn jemand lesen. Sie müssen also trotzdem optimistisch in die Zukunft blicken.

Atwood: Alle Schriftsteller sind Optimisten, ganz egal, wie pessimistisch ihre Bücher sind. Warum würde man etwas schreiben, wenn man nicht annimmt, dass jemand es lesen wird.

ZEIT: Gibt es nichts Konkreteres, was Sie zuversichtlich stimmt?