Der Plan steht. Nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen will Martin Schulz Schritt für Schritt die Kernpunkte des Wahlprogramms der SPD präsentieren: Steuern, Rente, Familie, Bildung – möglichst konkret und immer in enger Abstimmung mit den zuständigen sozialdemokratischen Fachministern aus Bund und Ländern.

Nur bei einem Thema wird der Kandidat eher im Ungefähren bleiben: Europa.

Dabei gilt Europa nach dem Wahlsieg von Donald Trump auf einmal wieder als ein Thema, mit dem man Stimmen gewinnen kann. Je unübersichtlicher und bedrohlicher die Welt wird, desto mehr erscheint die Europäische Union als eine Alternative, die den Menschen Schutz und Sicherheit verspricht. Diese Erfahrung macht Emmanuel Macron gerade im französischen Präsidentschaftswahlkampf. Der unabhängige Kandidat gilt mittlerweile als Favorit, weil – und nicht obwohl – er für mehr Europa ist.

Auch die SPD macht diese Erfahrung. Immer wenn Schulz von den offenen Grenzen in der EU schwärmt und dazu aufruft, das freie Europa gegen die Nationalisten zu verteidigen, wird der Applaus in den Sälen besonders laut. Seit er als Kanzlerkandidat feststeht, haben die Genossen 16.000 neue Mitglieder aufgenommen. Und viele von ihnen, heißt es zumindest in der SPD, seien beigetreten, weil sie Europa gut fänden.

© ZEIT-Grafik

Umso auffälliger ist, dass Martin Schulz ausgerechnet dann recht wenig sagt, wenn es beim Thema Europa konkret wird. Das gilt für die weiteren Hilfen für Griechenland genauso wie für die Zukunft der Währungsunion. Und es gilt für das langsame Abdriften der Türkei in den Autoritarismus. Zu all diesen Themen hatte Schulz eine starke, sehr entschiedene Meinung, als er noch in Brüssel war. Lange Zeit etwa hat er dort für mehr finanziellen Ausgleich der Euro-Länder untereinander gestritten oder für einen EU-Beitritt der Türkei. Nun lehnt er beides ab – und erklärt nicht, was er stattdessen will.

Auch die ersten Entwürfe für das Europakapitel im Wahlprogramm der SPD sind nach Informationen der ZEIT eher allgemein gehalten. Konkrete Maßnahmen zur Stabilisierung der Währungsunion wie eine gemeinsame Schuldenaufnahme durch sogenannte Eurobonds oder eine europaweite Arbeitslosenversicherung? Fehlanzeige. Stattdessen werden die Errungenschaften des europäischen Einigungswerks beschworen. Was die Frage aufwirft, wie viel Europa sich Martin Schulz als Kanzlerkandidat noch leisten kann.

Ihm selbst fiele die Antwort wohl nicht schwer. Die Zukunft Europas, eine starke EU, mehr Solidarität untereinander – dafür kämpft Schulz, seit er vor mehr als 20 Jahren zum ersten Mal ins Europaparlament gewählt wurde. Seine gegenwärtige Zurückhaltung ist vielmehr einem spezifisch deutschen Dilemma geschuldet: Die Europabegeisterung der Deutschen lässt in der Regel erheblich nach, wenn es um den eigenen Geldbeutel geht. Eine große Mehrheit der Deutschen hält die EU und den Euro im Prinzip für eine gute Sache, Eurobonds oder einen Schuldenschnitt für die Griechen aber lehnt sie ab. Und ein EU-Beitritt der Türkei ist ohnehin in weite Ferne gerückt.

Die Sprachlosigkeit des Martin Schulz fällt auch deshalb auf, weil ein anderer SPD-Politiker gerade so viel redet: Sigmar Gabriel. Gabriel hat den Reisewahlkampf der türkischen Regierung scharf kritisiert – und schlägt vor, dass die EU mit der Türkei eine Partnerschaft ähnlich wie mit Großbritannien nach dem Brexit entwickelt. In Athen versicherte er den Griechen, dass er Verständnis für ihre Nöte habe. Schließlich schlug er sogar vor, Deutschland solle künftig mehr Geld für den EU-Haushalt zur Verfügung stellen.

Dabei hat Sigmar Gabriel zu fast allen diesen Punkten auch schon einmal das Gegenteil gesagt, aber damals war er noch SPD-Vorsitzender und musste sich Gedanken machen, wie seine Worte in Recklinghausen oder Rostock ankommen. Heute ist er Außenminister und kann sich um die großen Linien kümmern. Ein bemerkenswerter Rollentausch: Gabriel profiliert sich immer mehr als Europäer, seit er Außenminister ist – während die europäischen Positionen von Schulz immer vager werden, seit er nicht mehr in Brüssel ist.

Gabriels europäischer Eifer

Tatsächlich ist man im Umfeld des Kanzlerkandidaten über Gabriels europäischen Eifer nicht nur glücklich. Die Skeptiker fürchten, dass der Außenminister den alten Verdacht nähre, Sozialdemokraten könnten nicht mit Geld umgehen – beziehungsweise sie hätten nach Übernahme der Regierung nichts Besseres vor, als deutsche Steuermilliarden in Europa zu verteilen.

In der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion hat man Gabriels Einlassungen deshalb mit einem gewissen Unbehagen verfolgt. Und in der Union werden sie eher als Geschenk empfunden. Europa und den Griechen mehr Geld in Aussicht zu stellen, das gehe "genau in die falsche Richtung", sagt Finanzminister Wolfgang Schäuble, der die Griechen vor zwei Jahren am liebsten aus der Währungsunion geworfen hätte. In Berlin machen Berechnungen des unionsgeführten Finanzministeriums die Runde, die detailliert beschreiben, was auf die deutschen Steuerzahler zukommen könnte. Schon wenn Griechenland nur die Schuldzinsen bis zum Jahr 2040 gestundet würden, würde das demnach 120 Milliarden Euro kosten, was – wie es in dem Papier heißt – "faktisch auf ein neues, ein viertes" Rettungsprogramm hinausliefe.

Schulz weiß, dass auch viele SPD-Wähler für solche Zahlenspiele empfänglich sind und wenig Verständnis für Großzügigkeit gegenüber Griechenland haben. Wie soll er sich also verhalten, wenn Teile der Union beim Thema Euro von rechts angreifen? Diese Frage haben die Genossen noch nicht beantwortet – zumal es nicht nur um polittaktische Manöver geht. Denn genau wie viele Experten heute der Meinung sind, dass die strengen deutschen Sparvorgaben die Krise verschärft haben, so steht umgekehrt zu befürchten, dass ein allzu freigebiger Umgang mit deutschem Steuergeld Europa langfristig mehr schadet als nutzt. Nach wie vor fehlen in der Währungsunion die institutionellen Voraussetzungen für Finanztransfers, wie sie etwa im deutschen Föderalismus üblich sind. Es gibt weder einen europäischen Finanzminister, noch hat das Parlament in dieser Frage bislang ein Mitspracherecht.

Beim Thema Eurobonds hat Schulz deshalb bereits einen Rückzieher gemacht. In seinem 2013 veröffentlichten Buch Der gefesselte Riese schreibt er, er sei dafür, dass die Euro-Staaten "gemeinsam verbürgte Kredite aufnehmen". Seit seiner Kür zum Kanzlerkandidaten beantwortet er Fragen nach solchen Gemeinschaftsanleihen mit dem Hinweis, die Debatte habe sich "erledigt", weil inzwischen ein Hilfsfonds für Krisenstaaten eingerichtet worden sei.

Wer so in der Defensive ist, dem fällt es schwer, einen politischen Angriff zu starten. Und nur auf Halten kann Schulz, der Herausforderer, gegen Merkel eigentlich nicht spielen.

Zumal die bevorstehende Präsidentschaftswahl in Frankreich die Sache noch einmal verkomplizieren könnte. Emmanuel Macron hat einen radikalen Umbau seines Landes versprochen. Er will die Unternehmen entlasten und den Staatshaushalt sanieren, um – ein Novum für französische Politiker – die europäischen Budgetregeln einzuhalten. Macron hat aber auch deutlich gemacht, dass er von Deutschland als Gegenleistung mehr europäische Solidarität und eine "Politik der wirtschaftlichen Belebung" erwartet.

Im Klartext: Mehr Geld für Europa.

Retten Schulz und Macron Europa?

Das ist keine neue Forderung. Sowohl Amtsinhaber François Hollande als auch sein Vorgänger Nicolas Sarkozy haben sie in der Vergangenheit mehrmals erhoben. Bislang wurde sie in Berlin mehr oder weniger ignoriert. Aber könnte man sie auch noch ignorieren, wenn ein Präsident Macron sie erheben und genau die Reformen umsetzen würde, die die deutsche Regierung seit vielen Jahren einfordert? Einen verlässlicheren Partner als den jungen Franzosen würde Deutschland in Paris so schnell nicht finden. Das weiß Schulz, er kennt die französischen Verhältnisse so gut wie kaum ein anderer deutscher Spitzenpolitiker.

Und er weiß auch, dass seine Partei mit Macron vieles verbindet. Als der Präsidentschaftskandidat noch Wirtschaftsminister unter François Hollande war, hat er gemeinsam mit seinem damaligen Berliner Kollegen Sigmar Gabriel ein Papier zur Reform der Währungsunion erarbeiten lassen, das sich unter anderem für zusätzliche Investitionen in Deutschland und eine Lockerung der 35-Stunden-Woche in Frankreich ausspricht. Vor wenigen Wochen bekräftigten Macron und Gabriel in Berlin den Willen zur Zusammenarbeit.

Und Schulz? Wenn sogar die britische Financial Times davon träumt, Schulz und Macron könnten "Europa retten", dann fällt es schwer, einfach Nein zu sagen – auch wenn es Wählerstimmen kostet. Das ist es, was die europäische Politik derzeit so vertrackt macht: Die Logik des Problems verlangt allen Beteiligten ab, auf das zu verzichten, was ihnen am teuersten ist – den Franzosen ihr aufgeblähter Staat und den Deutschen ihr Geld.

Schulz wäre zu einem solchen Deal wohl bereit. Insgeheim arbeiten SPD-nahe Ökonomen bereits an einer deutsch-französischen Initiative für die Euro-Zone. Eine zentrale Rolle könnte dabei eine Art gemeinsames Budget spielen, in das die Mitgliedsstaaten einzahlen und aus dem sie sich bedienen können, wenn die Wirtschaft schlecht läuft. Das Charmante an diesem Vorschlag: Man könnte mit vergleichsweise geringen Summen beginnen und die Beträge allmählich hochfahren – wenn sich die politische Aufregung gelegt hat.

Nur reden will der Kandidat darüber im Wahlkampf nicht, weil er fürchtet, dass die Deutschen sich sonst von ihm abwenden. Aber vielleicht sind viele Wähler längst weiter und bereit, für Europa etwas zu bezahlen. Vielleicht warten sie nur darauf, dass Martin Schulz ernsthaft versucht, sie zu überzeugen.