Vincent Tassion war noch nie auf dem Mont Blanc. Und das, obwohl er direkt an dessen Fuß aufgewachsen ist, in einem kleinen französischen Bergdorf. Seine ganze Jugend hat er damit verbracht, in den Alpen herumzuklettern und auf Skiern ihre verschneiten Flanken hinunter zu gleiten. Doch ganz nach oben wollte er nie. "Gipfel können uns den Weg weisen, aber sie sind nicht das Ziel", sagt der junge Forscher.

Er meint damit mehr als den Mont Blanc. Er meint damit auch: die Mathematik.

Viele seiner Kollegen sind angetrieben davon, ein berühmtes Problem zu lösen. Tassion schaut sich lieber die weniger bekannten Ecken an.

"Ich mache einen Plan, wo ich hinwill", sagt er, "aber dann ist das Wetter schlecht, oder der Schnee nicht so gut. So geh ich eben woanders hin. Und finde vielleicht einen kleinen See. Wunderschön!" Mit dieser entspannten Haltung hat es Vincent Tassion weit gebracht: Gerade hat die ETH den 30-Jährigen als Assistenzprofessor nach Zürich geholt – ins Team von Wendelin Werner, einem der wenigen Fields-Medaillen-Gewinner, der an einer Schweizer Hochschule lehrt.

Die Fields-Medaille ist so etwas wie der Nobelpreis der Mathematik. Und für den Preisträger Werner gehört Tassion zu den großen Hoffnungen seines Fachs.

Noch hat der aufstrebende Forscher sein Büro im Hauptgebäude an der Rämistraße nicht fertig eingerichtet. Das Büchergestell ist fast leer, die Wände sind kahl. Nur das allerwichtigste Mathematiker-Werkzeug hängt schon: die kreideverschmierte Wandtafel. Verstrubbelt, aber hellwach skizziert Tassion darauf die Grundlagen seines Fachgebiets, der Perkolationstheorie. Doch zuerst lässt er einen Espresso aus der Kaffeemaschine; französisch: le percolateur .

Wie sickert Wasser durch Kaffeepulver? Wie breitet sich ein Waldbrand aus von Baum zu Baum? Wie durchlässig ist ein Material? Aus solch praktischen Fragen entstand die Perkolationstheorie, irgendwann Mitte des 20. Jahrhunderts. Die physikalischen Abläufe wurden in Gleichungen verpackt, und heraus kamen Ideen, die so interessant waren, dass die Mathematiker sie den Physikern fast aus den Händen rissen.

Disziplin ist überhaupt nicht sein Ding. Er arbeitet lieber intuitiv

Heute gehört die Perkolationstheorie zu den spannendsten Gebieten der Mathematik. Ihre Zutaten: viele kleine Einheiten (zum Beispiel Kaffeepulverkörnchen), etwas, was sich ausbreitet (zum Beispiel Wasser), und eine große Portion Zufall. Er entscheidet, auf mikroskopischer Ebene, welchen Weg sich das Wasser durch das Kaffeepulver bahnt. Und doch kommt am Ende – makroskopisch – etwas ganz Bestimmtes heraus. Aus der Zufälligkeit wird Ordnung. Aus dem Wasser wird Espresso.

Klar, man muss nicht Mathematiker sein, um sich einen Espresso aus dem percolateur zu lassen. Doch wer verstehen will, was beim Kaffeebrühen im Detail abläuft, sollte Vincent Tassion fragen. Der verpackt den komplizierten Prozess in griffige mathematische Modelle, simuliert ihn am Computer – und der kann erklären, ohne zu dozieren.

Hat sich ein Problem in seinem Kopf festgesetzt, lässt es ihn nicht mehr los. Tage-, wochen-, monatelang.

Wird er nie ungeduldig? "Nein", sagt er, "ich bin gerne frustriert. Das heißt für mich, dass es noch viel zu tun gibt." Je komplizierter, desto besser. Wer so denkt, für den ist die Perkolationstheorie genau das richtige Gebiet: Die Probleme seien leicht zu formulieren, schwärmt Tassion, aber schwer zu lösen.