Als letztes Jahr mein bisher jüdischster und persönlichster Roman Biografie herauskam, gab es viele Kritiken, die mehr über die Rezensenten verrieten als über das Buch.

In der Süddeutschen Zeitung schrieb Lothar Müller zum Beispiel genervt: "Das Opus magnum Biografie entsteht aus der Häufung von Episoden, Sketchen, Sitcom-Pointen, jiddischen Brocken und Begriffen der jüdischen Alltagssprache." Außerdem störte ihn an dieser Geschichte zweier jüdischer Freunde aus Hamburg, die beide ohne Erfolg versuchen, der Diktatur ihrer Väter, Frauen und Post-Holocaust-Neurosen zu entkommen, der "Turbo-Pointen-Feuerwerk-Stil", der darin angeblich streng "über den Stoff" herrsche. Und schließlich rückte er das Ganze in die Nähe von etwas, das er mit dem bewährten AfD-Umkehrungstrick als "Holocaust und Hoden" etikettierte, so als wäre Biografie in Wahrheit eine Art jüdische Blut-und-Boden-Literatur.

Der FAZ-Literaturchef Andreas Platthaus – dessen Kritik den absolut unironischen und selbst-stigmatisierenden Titel Blondinen benachteiligt trug – vermisste im Sinne Richard Wagners in Biografie abwechselnd das "Wahre", das "Wahrhaftige" und die "Wahrhaftigkeit", so als ob es sich dabei um 896 Seiten Lüge und Täuschung, kurzum: um ehrlose Asphaltliteratur handelte. Noch unangenehmer – "frivoler" – fand er es aber, dass darin "die vielfältigen Störungen und Verstörungen der Romanfiguren Solomon Karubiner und Noah Forlani" als Reaktionen auf die Schoah-Erlebnisse ihrer Eltern beschrieben wurden. Wollte Andreas Platthaus damit sagen, dass nur er als Deutscher wisse, wie man sich als jüdischer Autor mit dem Superverbrechen zu beschäftigen habe, das Deutsche begangen, bejubelt oder zumindest geduldet haben?

Besonders wütend war aber Felix Stephan von ZEIT ONLINE. Er fand den Roman einfach nur zu obszön, zu sehr aus der Perspektive des sexbesessenen jüdischen Mannes erzählt. Und er behauptete, es herrsche zurzeit leider die allgemeine Übereinkunft, dass man genau das nicht laut sagen dürfe, weil man dann sofort die "Rolle des blöden, fleischlosen, subtil antisemitischen deutschen Literaturkritikers" einnehmen würde, "die Biller für all jene deutschen Literaturkritiker vorgesehen hat, die ihn nicht vorbehaltlos verehren", wovon er sich selbst aber nicht einschüchtern lassen werde.

Da war sie wieder, die imaginäre Antisemitismus-Keule, in deren eingebildetem Schatten sich angeblich im besetzten Nachkriegs- und dann auch im befreiten Nachwende-Deutschland kein freies geistiges Leben habe entwickeln können, wie als einer der Ersten Martin Walser in der Paulskirche raunte. Und da war vor allem die paranoide Idee, ein einzelner und beim Mainstream nicht sehr beliebter jüdischer Schriftsteller könnte Dutzende deutscher Literaturkritiker dazu zwingen, über ihn das zu schreiben, was er will, so als gäbe es die Weisen von Zion wirklich und er sei einer von ihnen.

Gleichzeitig – und hier erst wurde es wirklich aufschlussreich und paradox – gestand Felix Stephan aber den amerikanisch-jüdischen Autoren der sechziger und siebziger Jahre zu, weiß, geil, männlich, jüdisch und obszön zu sein. "Und um die Sprache, das Denken und den Geist zu befreien, mussten erst mal ihre Genitalien an die frische Luft", schloss er verständnisvoll, um dann mir erneut zu viel Sex vorzuwerfen und außerdem etwas, das er "Jargon" nannte. Jargon war früher der herabsetzende Name, den man dem Jiddischen gab.

Portnoys Beschwerden ja, Biografie nein? Und waren sich die Rezensenten, die mein Roman irritierte, der passiv-aggressiven Ambivalenz ihrer Positionen, Begriffe und Sprache bewusst, die teilweise direkt aus der ideologischen Asservatenkammer von Treitschke, Houston Stewart Chamberlain und solchen längst vergessenen NS-Germanisten wie Jost Trier oder Josef Nadler zu stammen schienen? War ihnen klar, dass sie einerseits als Gralshüter der wahren Erinnerungsarbeit und dankbare Konsumenten und Verteidiger der amerikanisch-jüdischen Provokationskultur des 20. Jahrhunderts auftraten – und andererseits über Biografie so dachten und schrieben wie früher deutsche Kritiker über die Bücher von Lion Feuchtwanger, die Gedichte von Mascha Kaléko, die Bilder von George Grosz?

Sind vielleicht alle benebelt von deutschen Mythengesängen?

Vor einigen Jahren klang es oft noch ganz anders, wenn Rezensenten und Germanisten über meinen exzentrischen Realismus, meinen Humor und meine krassen Sexszenen urteilten. Als 2001 der Roman Die Tochter erschien, dessen israelischer Held erst einen Palästinenser brutal tötet, dann vor seiner Schuld nach Deutschland flieht, wo er an seiner eigenen Tochter ein noch viel schrecklicheres Verbrechen begeht, freute sich Thomas Wirtz in der FAZ über meine "Lust am Veitstanz im Minengelände der deutsch-jüdischen Geschichte". Und der Literaturwissenschaftler Norbert Eke schrieb über dieses Buch, zwei weitere Erzählbände und einen Kurzroman, sie legten "Sprengsätze an die eingerasteten Vorstellungsbilder und die genormten Wahrnehmungsweisen im Umgang von (deutschen) Juden und Nicht-Juden". Damit konnten ich, mein Verleger und meine Eltern etwas anfangen.