Johann Sebastian Bach und Gustav Mahler liegen im Dock der Wismarer Werfthalle, und ihr Orchester spielt rund um die Uhr. Besser gesagt: Das Orchester, das sie umgibt. Das Schlagen der Hämmer. Das Zischen der Schweißgeräte. Die Tritte der Arbeiter auf den Stahltreppen.

Bach und Mahler sind die ersten von insgesamt neun Kreuzfahrtschiffen, die in den kommenden Jahren in den Werften Wismar, Warnemünde und Stralsund vom Stapel laufen sollen – und von denen mindestens zwei zu den, nach Passagierzahl, größten der Welt gehören werden. Wenn alles gut geht.

Willkommen in Deutschlands Nordosten: Zu DDR-Zeiten wurden hier Frachtschiffe am Fließband gebaut. Das Kombinat Schiffbau beschäftigte 55.000 Mann. Nach der Wende ging die Branche, wie so viele, den Bach hinunter. Nun waren die Werften nicht mehr Mecklenburg-Vorpommerns Glück. Sondern seine Last. Jede hatte nach 1990 mindestens vier verschiedene Eigentümer, die in Stralsund sogar sieben. Doch jetzt, plötzlich, soll sich alles zum Guten wenden. Soll es bald Traumschiffe geben, made in Mecklenburg-Vorpommern. Der malaysische Genting-Konzern hat alle drei großen, bislang dauerkriselnden Werften in Mecklenburg-Vorpommern gekauft. Aus dem Stand will man dort die größten Kreuzfahrt-Kolosse der Welt bauen. Milliarden Euro sollen umgesetzt werden. Die MV-Werften, so der Name des neuen Unternehmens, könnten zu den Big Playern im Kreuzfahrt-Markt werden; zu einem der größten Arbeitgeber im Nordosten noch dazu.

Es wäre ein regionales Wirtschaftswunder. Und ganz Mecklenburg-Vorpommern fragt sich: Meinen die das wirklich ernst? Kann das gut gehen? Zu viele solcher Träume sind in den vergangenen Jahren geplatzt. Die Menschen an der Küste sind skeptisch. Politiker sagen, hinter vorgehaltener Hand: Wir würden uns freuen, aber wir haben auch Angst. Was, wenn die Leute wieder enttäuscht werden, diesmal furios?

Der Konzern, Genting, versichert: Man meine es ernst. Man werde mehrere Tausend Jobs schaffen, direkt auf der Werft und indirekt bei Zulieferern. Konzernchef Tan Sri Lim kam voriges Jahr eigens nach Wismar, in Begleitung seiner Frau und dreier Söhne, um die Bauaufträge zu unterschreiben. Ihr Volumen liegt bei sagenhaften 3,5 Milliarden Euro – es ist einer der größten Aufträge, die diese Werften je hatten. Vier Flusskreuzfahrtschiffe im Superluxus-Segment, darunter die Bach und die Mahler, drei eisbrechende Schiffe für Luxus-Kreuzfahrten ins Polarmeer und zwei gigantische Kreuzfahrtschiffe – das ist der Plan. Bis 2022 sollen diese Schiffe fertig sein, danach jährlich vier weitere folgen, bis 2030.

Schon heute ist der Konzern ein Global Player im Kreuzfahrtmarkt, als Inhaber des weltweit drittgrößten Kreuzfahrtunternehmens Star Cruises. Man will künftig alles aus einer Hand anbieten: 230 Millionen Euro hat sich Genting die Werften kosten lassen; die Schiffe, die dort gebaut werden, sollen in den konzerneigenen Reedereien eingesetzt werden. Was hat Genting da mit Mecklenburg-Vorpommern vor?

Erst einmal ist, offenbar, ein riesiges Mitarbeiter-Casting ausgebrochen. Es ist deshalb nicht leicht, Termine zu erhalten in den Werften, irgendwann aber nehmen sich gleich zwei Direktoren auf einmal Zeit: Axel Rothe, als Direktor für Materialwirtschaft so etwas wie der Einkaufschef der Werften, und Personal-Direktor Björn Cleven. Rothe sagt, er wisse jetzt, wie es sei, binnen einem halben Jahr mit Hunderten Zulieferunternehmern zu sprechen – und immer dieselben Fragen zu beantworten: "Ja, wir wollen wirklich aus dem Stand ein Kreuzfahrtschiff bauen. Ja, wir werden viele Aufträge vergeben. Und ja, jetzt geht es richtig los." Hunderte Gewerke arbeiten an einem Kreuzfahrtschiff – vom Tischler und Fußbodenleger bis zu Restaurant-Ausstattern und Klavierbauern. Mit vielen von ihnen hatten die Werften zuvor nie zu tun.

Björn Cleven wiederum, der mit Genting bereits den vierten Werft-Eigentümer erlebt, organisiert die Einstellung Hunderter Mitarbeiter. "Wir suchen in allen Branchen gleichzeitig", sagt er. Er und seine Leute merken daher gerade, wie es ist, wenn man von einem auf den anderen Tag 2.500 Bewerbungen auf den Tischen liegen hat. "Das ist logistisch schwierig", sagt Cleven. Für 53 verschiedene Jobs kann man sich derzeit auf der Internetseite der Werften bewerben – viele Posten sind mehrfach zu vergeben, manche dutzendfach. Über 200 neue Mitarbeiter hat Cleven in den vergangenen sechs Monaten eingestellt, 1.500 sind insgesamt da. Noch in diesem Jahr sollen, inklusive einer Tochterfirma, noch 400 hinzukommen, "mittelfristig" sollen es über 3.000 werden.

Warum Genting nach Mecklenburg-Vorpommern drängt? Offenbar, weil der Konzern sich auf dem amerikanischen Luxus- und dem asiatischen Massenmarkt enorme Wachstumspotenziale ausrechnet. Und dafür viele neue Schiffe braucht. Doch an diese ist momentan nicht heranzukommen. Die europäischen Kreuzfahrtschiff-Werften haben auf Jahre, mitunter Jahrzehnte, volle Auftragsbücher. Zwar liegt gerade in der Papenburger Meyer-Werft in Niedersachsen ein für Genting bestimmtes Schiff auf Kiel. Doch gäbe Genting-Chef Tan Sri Lim jetzt das nächste Schiff bei Meyer in Auftrag – es wäre wohl nicht vor 2025 fertig. Und bei den Wettbewerbern sieht es nicht besser aus. Weshalb selbst der Papenburger Werft-Chef Bernard Meyer schon im vorigen Jahr sagte, "aus unternehmerischer Sicht" könne er Tan Sri Lims Entscheidung verstehen.