Es ist schon etwas bedrückend, wenn man im Werk eines großen und zu früh verstorbenen Künstlers Sätze findet, die die Geschichte antizipieren, als gäbe es das wirklich – das sogenannte Schicksal. "If we are dead, so it is", lautet ein Satz, mit dem Michel Majerus im Jahr 2000 einen seiner größten Coups betitelte: ein Gemälde, das er wie eine Skaterrampe in den Kölnischen Kunstverein legte und das bewies, dass er der größte Checker der an Checkern so reichen Welt der Skaterkids war und das Museum endlich ein Freizeitpark für Halbwüchsige.

2002 starb Majerus bei einem Flugzeugabsturz in seinem ihm durchaus verhassten Heimatland Luxemburg. Er war 35 Jahre alt. Ein Porträt des Fotografen Albrecht Fuchs, auf dem er mit seinen abstehenden Segelohren und seiner pickeligen Haut mit halb verschränkten Armen an einem Fenster lehnt und in die Kamera schaut, als wäre er immer noch in der von Wolfgang Herrndorf zu Recht als Schamvollzugsanstalt bezeichneten Pubertät gefangen, ist eines der wenigen Bilder, die man von ihm heute im Internet findet.

Das Porträt hängt auch in seinem letzten Atelier in einem Hinterhof im Berliner Prenzlauer Berg. Der Künstler hatte das Atelier gekauft, während er noch durch das wie für ihn gemachte billboardeske Los Angeles tobte. Seine Eltern haben es nach seinem Tod in einen Ausstellungsraum mit Büro verwandelt, in dem seit vergangenem Sommer eine Kunsthistorikerin und eine Architektin seinen Nachlass bearbeiten. Der ganze Kram, den Majerus in den neunziger Jahren zusammensammelte, speicherte, ausschnitt, abmalte, all die Plastikfiguren von Spider-Man, Comic- und Computerspielehefte, Modemagazine, T-Shirts von Kraftwerk, Plattencover: all das muss in weiße Kisten sortiert, beschriftet und für die Nachwelt gesichert werden.

In der Kunst gibt es, so zynisch das klingt, ja immer mehrere Tode. Neben dem echten gibt es da auch jenes andere, symbolische Sterben, welches das Erbe in die Archive und Depots verbannt. Die bildende Kunst hat genau wie der Film Laufzeiten, und die scheinen für Michel Majerus definitiv vorbei zu sein. Ein Jahr nach seinem Tod begann die Einzelausstellungs-Tournee in den großen Museen Europas: Hamburger Bahnhof, Tate Liverpool, Kunsthaus Graz, Kunstmuseum Stuttgart und andere.

Er feierte den Techno mit dem konservativen Medium der Malerei

Das eine oder andere Haus kaufte dabei auch Arbeiten an. Ganz nach den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie senkte sich zehn Jahre nach dem Flugzeugabsturz aber die Lautstärke, mit der Majerus posthum abgefeiert wurde. Und das stellt alle, die den Künstler auf dem Markt vertreten, vor die Aufgabe, wie man sein Werk ohne den Nachrichtenwert einer Neuigkeit weiter verkauft.

In den neunziger Jahren feierte Majerus den Fun, den Techno, den Trash, die Mode, den Buzz der Großstadt mit dem konservativsten Medium, das man sich als Künstler nur vorstellen kann – der Malerei. Und verscheuchte auf einen Schlag den ganzen Mief, der sich bei manchen seiner Kollegen zwischen Keilrahmen und Leinwand so festgesetzt hatte. Auch der scheinbar zeitlose Warhol sieht alt aus gegenüber dem Œuvre, das Majerus hinterlassen hat. Genau wie Warhol bediente sich Majerus am vorhandenen Bilderpool, zog alles, was in sein Geschmacksuniversum passte – Super Mario, Comic-Kätzchen, Teletubbies –, auf die Oberfläche seines Mediums auf. Die wenigsten seiner Arbeiten blieben aber an der Oberfläche kleben. Majerus stieg buchstäblich aus dem Bild aus.

Auf einer seiner flashigen Arbeiten ragt ein Nike-Turnschuh so aus dem Bild, als ob er jemanden gleich ins Gesicht treten und ihn unter der Gummisohle zerquetschen würde. Auf der Manifesta 1998 in Luxemburg wollte Majerus unbedingt in ein Kino auswandern und den Schuh mit dem ziemlich langen Titel yet sometimes what is read successfully, stops us with its meaning, no II auf einer Betonwand neben einer Popcornmaschine aufhängen. "White Cube kann jeder", erzählen Tim Neuger und Burkhard Riemschneider, "Majerus wollte sich in der lauten Multiplex-Welt behaupten."