Jedes Kind in der DDR kannte diese Sehnsuchtsorte, die Luxus und Glamour versprachen und unerreichbar schienen. Das Hotel Neptun am Strand von Warnemünde, das Panoramarestaurant Bastei in der Sächsischen Schweiz. Und, mehr als alle anderen, die Kreuzfahrtschiffe, auf denen man bis in die Karibik reisen konnte. Die gab es in der DDR. Sie standen für den Traum vom Urlaub der anderen Art.

Aber, um es gleich vorwegzusagen: Dieser Traum wurde in der Regel bloß für die anderen wahr. Nur rund 280.000 DDR-Bürger kamen in den Genuss einer Seereise unter DDR-Flagge, auf einem der drei volkseigenen Kreuzfahrtschiffe. Für viele wurde der jährliche abgelehnte Antrag auf die Reise durchs Paradies so normal wie das Warten auf den Trabi.

Vor allem von der MS Völkerfreundschaft träumten viele DDR-Bürger – einem Schiff, das seit den 1940er Jahren die Meere kreuzt und auch heute, 27 Jahre nach dem Untergang der DDR, noch im Einsatz ist.

Ambitioniert war die DDR in See gestochen: Schockiert über den Arbeiteraufstand von 1953 hatten die Funktionäre des FDGB, des Dachverbands der DDR-Gewerkschaften, über Möglichkeiten nachgedacht, die Proletarier zu mehr Leistung anzuspornen – und gleichzeitig die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren. 1958 wurde verkündet: Künftig werde es Traumschiffe unter DDR-Flagge geben. Zu einer Zeit, als es im Westen noch etwas Neues war, im Sommer nach Italien zu reisen, sollten sich DDR-Arbeiter in die Karibik aufmachen. Und im Luxus schwelgen: Innen- und Außenpool wurden versprochen, Frisiersalon und Milchbar, Kino und Kostümfeste. Und eine Speisekarte, von der man in den spartanischen FDGB-Ferieneinrichtungen im Harz nur träumen konnte. Lachscanapés, Schildkrötensuppe und Geflügelleberpastete.

Das Schiff, auf dem das angeboten wurde, hatte der SED-Staat nicht gebaut: 17,5 Millionen West-Mark ließ sich die klamme DDR die MS Völkerfreundschaft kosten, die schon 1948, unter schwedischer Flagge, zu ihrer Jungfernfahrt aufgebrochen war. Den Koloss mit Platz für mehr als 550 Passagiere kaufte die DDR den Schweden ab, als klar wurde, dass der Bau des eigenen Kreuzfahrtschiffs Fritz Heckert auf der Werft in Wismar sich wegen Materialmangels hinziehen würde. In Schweden hatte die Völkerfreundschaft noch Stockholm geheißen. Der günstige Preis hing mit deren Vergangenheit zusammen: 1956 hatte die Stockholm den italienischen Liner Andrea Doria gerammt, der versank. Für die DDR-Führung sollte der Kreuzer das Gegenteil symbolisieren: Er werde "von der Friedensliebe unseres Volkes (...) und dem Willen nach Freundschaft mit allen Völkern künden".

Wie war das damals? Ein Anruf bei Christa Anders, heute 63 Jahre alt: Über Jahre hat sie als Schiffsärztin auf der MS Völkerfreundschaft gearbeitet. Ein "Traumjob" sei das gewesen. An Bord hatte sie einen Operationsraum modernster Bauart – von Mangel keine Spur. Richtig luxuriös sei es geworden, wenn die Schweden gekommen seien: Drei Monate im Jahr wurde die Völkerfreundschaft vom kapitalistischen Ausland gechartert. Die DDR verdiente Devisen dran.

Für die DDR war der Traum von der Kreuzfahrtflotte trotzdem ruinös. "Darüber, wie man die Schiffe unterhalten sollte, hatte sich niemand Gedanken gemacht", sagt Andreas Stirn. Der Historiker hat über die DDR-Kreuzfahrtschiffe promoviert. "Zwischen 1976 und 1980 stellte der Staat 65 Millionen Mark an Subventionen, um die Völkerfreundschaft über Wasser zu halten. Da musste Vernunft Ideologie weichen."

Mehr als 220 Menschen nutzten die Schiffe im Lauf der Zeit zur Republikflucht. Nachdem zwei Dutzend Passagiere in Casablanca vom Landgang nicht zurückgekehrt waren, schränkte man Fahrten über "risikoreiche" Routen ein. Zu Reisen über den Bosporus wurden nur noch Funktionäre und ältere Urlauber mitgenommen, denen man den Sprung über die Reling nicht zutraute. Landgänge wurden gestrichen. "Da waren die Urlauber dann nur noch fast in Afrika – sie konnten es zwar sehen, durften aber nicht an Land", sagt Stirn. Für die ans Schiff Gefesselten, die den Trip als Belohnung ihres Betriebs bekommen oder bis zu 6.000 Mark für eine Kuba-Reise bezahlt hatten, waren die Kreuzfahrten dennoch Traumurlaube. Noch heute tauschen sie auf Websites Fotos und Erinnerungen.

Während die in Wismar gebaute Fritz Heckert, die schließlich doch noch vom Stapel gelaufen war, 1999 schon wieder verschrottet wurde, fährt die Völkerfreundschaft bis heute. Unzählige Male wechselte sie den Eigner, reist nun als Astoria übers Mittelmeer. Kürzlich wurden Teile von Germany’s Next Topmodel auf dem einstigen DDR-Kreuzer gedreht.

Einen Mangel, den es an Bord der Völkerfreundschaft schon 1970 gab, kennen auch jene noch, die heute Urlaub machen, man kann es im Bordbuch von damals nachlesen: "Bereits vor fünf Uhr", steht da, begann "der Kampf um die Liegestühle".