Eines Nachts, vor ungefähr einem Jahr, umzäunen Unbekannte das Haus eines Mannes in Stuttgart-Mitte mit Holzbrettern, auf denen blutrote Handabdrücke kleben. Sie schlagen auf sein Auto ein, zerstechen die Reifen. In der Nachbarschaft wird ein Steckbrief mit seinem Bild verteilt, auf dem er als "Rassist" beschimpft wird. Auf den Asphalt vor seiner Tür haben sie zwei Worte geschmiert: "Du Sau".

Das, glaubt Alexander Beresowski, hätten sie nicht einfach so geschrieben. "Man soll es im Geist zu 'Du Saujude' ergänzen."

Alexander Beresowski ist Jude. Und Mitglied der AfD. Die Vandalen jener Nacht waren vermutlich von der Antifa. Wie passt das alles zusammen?

Beresowski ist in der AfD, weil er die Flüchtlingspolitik der Regierung Merkel selbstmörderisch fand. "Ich habe Angst vor der Islamisierung der Gesellschaft", sagt Beresowski bei einem Treffen am Stuttgarter Hauptbahnhof. "Wenn auf linken Demos 'Hamas, Hamas, Juden ins Gas' gerufen wird, dann alarmiert mich das. Wir haben jetzt fast eine Million Leute ins Land geholt, für die der Antisemitismus so selbstverständlich ist wie die Muttermilch. Das soll nicht gefährlich sein?!"

Die AfD registriert die Religionszugehörigkeit ihrer zwar Mitglieder nicht. Doch allein in Baden-Württemberg sind vier von 38 Direktkandidaten jüdisch. Wolfgang Fuhl, früher im Vorstand der jüdischen Gemeinde von Lörrach und jetzt dort Bundestagskandidat der AfD, ist überzeugt, Juden seien in der AfD sogar überrepräsentiert, weil sie Angst vor der Islamisierung hätten – eine Behauptung, die man nicht überprüfen kann. "Juden müssen immer links sein oder wie?", fragt er, wenn man sich wundert. "Im Gegensatz zu Gregor Gysi musste ich auf AfD-Parteitagen noch nie vor meinen Genossen auf die Toilette flüchten. Im Gegensatz zur CDU kann bei uns niemand Mitglied werden, der vorher in der NPD war."

Juden fühlen sich also zu Hause in einer Partei, in der die Entdämonisierung Hitlers gefordert wird? Wie kann es sein, dass man in den Reihen der AfD Mitglieder wie Wolfgang Fuhl oder Alexander Beresowski findet?

Der 52-jährige Beresowski kommt aus Odessa, einer Hafenstadt am Schwarzen Meer, die vor dem Krieg ein so reiches jüdisches Leben hatte, dass es extra Synagogen für Schuster oder Droschkenfahrer gab. Doch im Laufe des Russlandfeldzuges erschossen die Deutschen die Hälfte seiner Familie. Danach, im Kommunismus, musste man sein Judentum geheim halten. Wer in ein Gebetshaus ging, wurde fotografiert. Mit der Perestroika kam der offene Antisemitismus zurück: Die Beresowskis wurden von der nationalistischen Pamjat-Bewegung bedroht und schikaniert. Ende 1991 kam Alexander Beresowski als Kontingentflüchtling nach Esslingen am Neckar.

Seit den neunziger Jahren stellen Russen wie er die Mehrzahl der insgesamt etwa 100.000 Juden in Deutschland. Im Gegensatz zu deutschen Juden sehen sie sich nicht als Opfer, sondern als Sieger: Viele von ihnen hatten, wie Beresowskis Vater, in der Roten Armee gegen Hitler gekämpft. Sie hatten Auschwitz befreit. Sie hatten den Krieg gewonnen. Die Erfahrung, dass mit der Liberalisierung unter Gorbatschow und Jelzin auch der Antisemitismus zurückkam, hat bei vielen von ihnen eine gewisse Sympathie für autoritäres Regieren erzeugt. Nie wieder will Alexander Beresowski irgendwelchen Versprechungen von Linken Glauben schenken.

Das kommt der AfD entgegen. Massiv werbe die Partei in jüdischen Senioreneinrichtungen für sich, berichtet Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden. In einem Rundschreiben warnt der Zentralrat die Gemeinden davor, "sich von einer antimuslimischen, hetzerischen Rhetorik der AfD umgarnen zu lassen". Der Gemeindevorstand Wolfgang Seibert aus Schleswig-Holstein berichtet, er bekäme alle paar Tage Artikel zu Migrationsthemen von der AfD zugeschickt. "Sie haben auch versucht, ein russischstämmiges Mitglied zu umwerben, aber bei dem haben sie auf Granit gebissen – er ist Kommunist", erzählt Seibert.