Am Anfang war das Internet ein paradiesischer Ort, an dem Gleichheit, Solidarität und Emanzipation herrschten. Doch der digitale Garten Eden währte nur kurz. Heute ist das Netz Beispiel und Basis für das Kräftespiel der freien Marktwirtschaft. Mit Smartphones, Infrastruktur für mobiles Surfen und der Koordination der Datenströme wollen Konzerne Geld verdienen. Konsumenten hatten ihren Spaß. Wurden Daten im Netz bisher ohne Ansehen von Art, Urheber und Quelle transportiert, so gilt diese Netzneutralität nun als Innovationshemmnis und Spaßbremse.

In dieser Woche höhlt die Deutsche Telekom das Prinzip der Netzneutralität ein klein wenig mehr aus. Vom 19. April an können Kunden StreamOn zubuchen und dann über ihr Handy mehr als ein Dutzend private und öffentlich-rechtliche Musik- und Videoströme empfangen. Die abgerufenen Datenpakete werden nicht auf das monatlich verfügbare Datenvolumen angerechnet. Prima, mag der unbedarfte Kunde denken. Was er nicht ahnt: Mit diesem Modell beginnt das Solidarprinzip im Internet zu erodieren.

Netzneutralität ist im Kern zunächst eine politische Forderung und erst dann eine technische. Eine Telekom-Fernsehübertragung per Internet darf kein Vorfahrtsrecht bekommen vor einem Video von Polit-Aktivisten. Dieses heilige Gründungsprinzip des Internets hat die amerikanische Netzbehörde Federal Communications Commission (FCC) unter Barack Obama vor zwei Jahren in der Open-Internet-Direktive festgeschrieben.

Doch die Industrie lässt nicht locker. Für einen kleinen Zusatzbeitrag konnten Kunden der Deutschen Telekom schon einmal mit ihrem Handy unbegrenzt den Musikdienst Spotify nutzen. War das normale Datenvolumen aufgebraucht, drosselte die Telekom nur den allgemeinen Datenverkehr, der Nutzer konnte aber weiterhin ungestört über Spotify Musik hören. Zero rating heißen solche Dienste, viele Experten sehen darin eine Verletzung der Netzneutralität. Dann regelte eine EU-Verordnung vergangenes Jahr noch einmal explizit, dass Daten "ohne Diskriminierung, Beschränkung oder Störung" fließen sollen. Prompt änderte die Telekom die Regeln: Wenn das Datenvolumen aufgebraucht war, wurde auch die Übertragungsrate von Spotify gedrosselt. Mit StreamOn stellt die Telekom die Netzneutralität erneut auf die Probe. Zwar gilt auch diesmal: Ist das normale Datenvolumen aufgebraucht, werden regulärer Datenverkehr und Streaming gedrosselt. Aber schon die Auswahl für das unbegrenzte Streaming schafft privilegierte Anbieter. Die Telekom verspricht, niemand werde diskriminiert, alle könnten sich bewerben. Trotzdem bleibt das ungute Gefühl, dass auf die freie Datenautobahn nur darf, wer genehm ist.

So büßt das Netz Stück für Stück seinen egalitären Charme ein. Übrigens: In den USA will der neue FCC-Chef Ajit Pai die Open-Internet-Direktive der Obama-Administration kippen. Ein biografisches Detail macht den Kurswechsel besonders brisant: Früher war der Republikaner Pai Anwalt bei Verizon, einem der größten Telekommunikationskonzerne in den USA.