Bei einem Parabelflug setzt die Schwerelosigkeit schlagartig ein. Wenn wir von Bordeaux aus den Atlantik erreicht haben, jagen die Piloten den Airbus 310 zuerst 20 Sekunden lang bei vollem Schub steil aufwärts auf gut sieben Kilometer Höhe. Dann schalten sie die Turbinen in den Leerlauf, und es wird ganz leise im Flugzeug. Gerade war man durch den Schub noch doppelt so schwer wie auf der Erde – plötzlich gibt es kein Oben und kein Unten mehr, nirgends am Körper spürt man den geringsten Druck. Viele können dann gar nicht anders, sie lachen oder juchzen.

Wer Schwerelosigkeit nicht selbst erlebt hat, kann sie sich nicht vorstellen. Es ist die ganz große Leichtigkeit und Freiheit, ein Gefühl, das süchtig macht. Ich selbst bin mittlerweile sehr routiniert. Aber ich bin mir sicher, dass ich dabei immer noch ein fröhliches Gesicht zeige.

Sie müssen sich das Flugzeug beim Parabelflug wie einen Ball vorstellen, den ich Ihnen zuwerfe. In dem Moment, wo der Ball meine Hand verlässt, ist er schwerelos – bis zu dem Moment, wo Sie ihn auffangen. Physikalisch gesprochen, ist ein Objekt immer dann schwerelos, wenn außer seinem Gewicht keine Kraft mehr darauf wirkt.

Ohne Schubkraft fällt das Flugzeug zuerst aufwärts und dann mit der Nase voran abwärts. Die Passagiere bemerken das nicht. Die Laborkabine ist mit weißen Matratzen ausgekleidet, sie hat keine Fenster, und die Sitze sind ausgebaut. Auf dem Boden sind die Schränke mit den Experimenten befestigt. Da wir sehen, wo oben und unten ist, unser Organ im Innenohr aber in der Schwerelosigkeit kein Signal empfängt, kann einem durch die Diskrepanz zwischen den Sinneswahrnehmungen übel werden. Wir bekommen vor jedem Parabelflug ein Mittel gegen Reiseübelkeit gespritzt.

Manchmal genieße ich die Schwerelosigkeit in einem Netzkäfig, stelle mich dort auf die Kabinendecke oder schwebe im Buddhasitz. Manchmal gurte ich mich auch am Boden fest – genau wie die 40 mitfliegenden Wissenschaftler. In den meisten Fällen aber hangele ich mich an Fußschlaufen, senkrecht gespannten Leinen und einer Reling durch die Kabine und beaufsichtige ihre Experimente.

Pro Flug bringen wir es auf 31 Parabeln; eine einzelne Parabel dauert exakt 22 Sekunden – danach fangen die Piloten das Flugzeug ab. Genauso schlagartig, wie sie verschwand, kehrt die Schwerkraft zurück. In dem Moment sollte man mit mindestens einem Fuß wieder auf dem Boden stehen. Bis zu meinem Ruhestand bin ich 992 Parabeln geflogen. Im Herbst kann ich als Gast mitfliegen – für die tausendste Parabel gibt es dann eine Medaille.

Protokoll: Daniel Kastner

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