Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Kenn ich!", ruft das Kind, als wir das Kamener Kreuz passieren. Dabei fährt es diese Strecke zum ersten Mal im Leben. Das Kind kennt den Autobahnknotenpunkt aus dem Radio. Staunachrichten machen schlau. Wer morgens Radio hört, ist irgendwann gut in deutscher Straßengeografie. Kein Wunder, wenn 60 Prozent aller Berufstätigen im Lande zur Arbeit pendeln, wie eine neue Studie wieder in Erinnerung ruft. Da sind die pendelnden Kinder und Jugendlichen auf dem Weg zu den besten oder auch nur zu den nächsten Schulen noch gar nicht mitgezählt.

Nur: Ist die Pendelei jetzt ein Ausdruck deutscher Kultur oder ein Zeichen für die miserable Behandlung von Arbeitnehmern und Verkehrsinfrastruktur oder beides? Das immer noch allerliebste Pendlerzimmer ist das eigene Auto. Die Interpretationen rund um die neue Pendlerstudie reflektieren Weltsichten wie die Frühlingssonne auf dem polierten Autodach. Lieben die Deutschen ihre vier Räder so sehr oder ist der öffentliche Nahverkehr einfach zu strapaziös oder gar nicht vorhanden? Wollen sie ihre Eigenheime um jeden Preis behalten, statt öfter mal umzuziehen, oder können sie nicht anders, weil es in den Städten gar keinen bezahlbaren Wohnraum gibt?

Manch eine Deutung ist sogar klammheimlich familienpolitisch. Da raunt es, vielleicht seien manche Arbeitnehmer ganz froh, wenn sie nach Büroschluss noch eine Stunde bei lauter Musik mit dem Daumen am Lenkrad im Takt singen können, bevor der Familienstress zuschlägt – mit Gartenarbeit und neuerdings verpflichtender Teilnahme an Haushalt und Kindertaxi? Andere verweisen auf die gesundheitlichen Belastungen, auf Dauerstress und die verlorene Lebenszeit auf der A 1. Wenn alle auf der rechten Spur nach Hause rasen wollen, geht es eben auch nicht schneller. Oder sind Lichthupe und lautes Schimpfen gut gegen Magengeschwüre? Was ist von den Umfragen zu halten, nach denen auch bei optimaler Anbindung durch Bus und Bahn aufs Auto nicht verzichtet wird, weil es immer noch für Flexibilität und Freiheit steht statt für den Stress von Mensch und Natur? Ob ein paar Fahrradautobahnen (sic!) dagegen helfen werden?

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Eine Frage wird in den Pendlerstudien nie beantwortet. Was machen Menschen eigentlich, während sie stundenlang unterwegs sind? Was hören und singen sie, was denken sie, welche Luftgespinste und düsteren Wolken hängen unter den Autodächern und in überfüllten Regionalzugabteilen? Wie wird diese Lebenszeit gefüllt? Hinter der Pendlerfrage steckt die Frage, wie wir leben wollen. Höchste Zeit für die nächste Pendlerstudie.