Kinder- und Jugendbuchhelden müssen einiges aushalten: Sie sind blind oder taub, einsam oder übergewichtig, chronisch oder lebensbedrohlich krank und manchmal sogar schon von Beginn der Geschichte an tot. Dagegen ist die 15-jährige Honey fast so etwas wie ein leichter Fall: Mit einer hirngeschädigten großen Schwester, einer kettenrauchenden Mutter und einem drogendealenden Vater lebt sie relativ glücklich im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro. Das Wort relativ ist allerdings entscheidend, denn ganz glücklich fühlt sich auch Honey nicht, eher mama huhu – ein Sprichwort, das sie im Chinesisch-Unterricht gelernt hat. Wörtlich übersetzt heißt mama huhu "Pferd, Pferd, Tiger, Tiger", erklärt Honey, "die Chinesen verwenden es, wenn etwas nicht so richtig gut ist, aber trotzdem schlimmer sein könnte". Wie Honeys Verhältnis zu ihrer großen Schwester Mikala: Die hängt so sehr an Honey, dass sie alleine nicht mal aufs Klo geht. Wie das Leben von Honeys Mutter: Die arbeitet für wenig Geld in "Harrys Hackenbar" und kommt erst spät nach Hause. Oder wie Honeys Aussehen: Wegen einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte ist ihre Nase "flach und schief", ihre Oberlippe "groß und vernarbt".

Mit alldem käme Honey ganz gut klar, wenn nur der Rest ihrer Familie wüsste, wie das mit dem mama huhu geht. Stattdessen benehmen sich alle in einer Weise auffällig, die für Honey "viel zu viel" ist. Ihre Mutter packt Süßkram statt Butterbrote in die Frühstücksbox, ihre Schwester flippt aus, wenn sie nicht sofort ihre Sammelbilder zeigen darf, und ihr Vater lässt vor allen Leuten stolz die Hosen runter, um sein neustes Tattoo zu präsentieren. Zum Ausgleich macht sich Honey gerne unsichtbar, um den Blicken und Tuscheleien anderer Leute zu entgehen. "Das nennt man reinpassen", sagt Honey, "und darin bin ich richtig gut geworden."

Zu gut, denn Honeys Unfähigkeit, Irrtümer aufzuklären oder einfach mal entschieden "Nein!" zu sagen, bringt sie in die seltsamsten Situationen. Nicht nur in den Chinesisch-Kurs, für den sie gar nicht angemeldet ist, sondern über Umwege auch an das Sterbebett eines ihr unbekannten älteren Mannes, der mit ihr seine Schnapspralinen teilt.

Was erst mal krude konstruiert klingt, funktioniert: Zwischen Honey und dem todkranken Marcel entwickelt sich eine wirklich wunderbare Freundschaft. Mit ihrem Familiensinn bringt Honey Marcel seiner entfremdeten Verwandtschaft näher. Marcel wiederum bestärkt Honey darin, sich ihrer Familie und deren Wünschen und Zumutungen auch mal zu widersetzen.

Dieser Handlungsbogen mag sich etwas nach Schablone anhören, die dänische Autorin Mette Eike Neerlin leitet ihn aber dramaturgisch sauber her – und den Leser hindurch. Mit derbem Realismus und trockenem Humor balanciert Neerlin die Schwere und die Leichtigkeit ihrer Erzählung gekonnt aus. Und sie schafft mit Honey eine liebenswerte Hauptfigur, die die Narben in ihrem Gesicht zwar blöd findet, deren größtes Problem aber ein anderes ist: Es fällt ihr schwer, für sich selbst einzustehen – eine Baustelle, die wohl jeder kennt.

Alle Widrigkeiten gut austariert also; nur in einer Beziehung verfehlt die sonst souveräne Autorin den angemessenen Tonfall: im Verhältnis von Honey zu ihrem kleinkriminellen Vater. Der lebt von der Mutter getrennt, Honey besucht ihn an den Wochenenden. Der Vater passt seine Tochter aber auch regelmäßig auf der Straße ab, angeblich um ihr eine heiße Schokolade auszugeben. Tatsächlich erbettelt er nur Honeys knappes Taschengeld, Kakao bekommt sie nie. Das läuft vielleicht gerade noch unter "hart, aber herzlich", aber wenn sich Honey auf die erste Klassenparty freut, weil es da einen gewissen Jungen gibt, und ihrem Vater dazu nur einfällt, wie er bei seiner ersten Fete hinter einer Mülltonne gevögelt hat, ist das zu krass, um es beiläufig zu erzählen. Ähnlich naiv bis pseudoharmlos schildert die Autorin eine Szene, in der Honey ihren Vater um einen neuen Pulli für ebendiese Party bittet. Der schiebt ihr stattdessen ein neonpinkes, viel zu kurzes Kleidchen unter, das er gerade bei H&M gestohlen hat – und findet sich und seine von ihm sexualisierte Tochter super.

Von diesen wenigen falschen Tönen abgesehen, erzählt Mette Eike Neerlin aber eine glaubhafte und mitreißende Entwicklungsgeschichte, inklusive sich überschlagender Ereignisse und unvermeidlicher Krise: "Das hier war nicht nur Pferd, Pferd, Tiger, Tiger. Das hier war Mist, Kack, Dreck, Fuck." Als ihr neuer Freund Marcel an Krebs stirbt, vergisst Honey schließlich ihre Angst, aufzufallen. Sie lässt ihrer Trauer freien Lauf, heult sich die Seele aus dem Leib und prügelt sich sogar mit einer verständnislosen Krankenschwester. Eine herzzerreißende Szene, in der die Fünfzehnjährige herausfindet, dass "viel zu viel" manchmal genau richtig ist.

Am Ende dieses warmherzigen Romans wird klar, dass mama huhu mehr sein kann als ein unentschiedenes Jein, ein genügsames So-lala, eine ängstliche Mittelmäßigkeit: Honey hat gelernt, Grautöne wahrzunehmen und im Schlimmen auch die Spuren des Guten zu sehen. Und wie als Belohnung für diese Erkenntnis bekommt Honey auf der allerletzten Seite auch endlich eine heiße Schokolade. Nicht von ihrem Vater, sondern – wer hätte das gedacht – von einem gewissen Jungen.

Mette Eike Neerlin: Pferd, Pferd, Tiger, Tiger. Ab 14 Jahren; Deutsch von Friederike Buchinger; Dressler 2017; 160 S., 12,99 €