Dass die Sache nicht so ganz glatt durchgehen würde, schien man in Berlin schon geahnt zu haben. Schon kurz nachdem das Urteil in den USA verkündet worden war, lag die Stellungnahme der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) vor. Man werde sich, ließ Stiftungspräsident Hermann Parzinger noch in der Nacht verkünden, "die Entscheidung genau ansehen und die weiteren Schritte prüfen". Konkret kann das nur bedeuten: die Möglichkeit prüfen, gegen das Urteil von Richterin Colleen Kollar-Kotelly Berufung einzulegen. Sonst nämlich würden die Bundesrepublik Deutschland und auch die von ihr getragene Stiftung Preußischer Kulturbesitz zum ersten Mal in ihrer Geschichte vor einem US-Gericht angeklagt werden – und das wegen eines prominenten Falles von möglicher NS-Raubkunst.

Es geht um den sogenannten Welfenschatz, wertvolle kirchliche Kultgegenstände aus dem Mittelalter. Nach Meinung der Erben dreier jüdischer Kunsthändler, die den Schatz Ende der 1920er Jahre vom Welfenhaus erworben und Teile davon verkauft hatten, mussten ihre Vorfahren den verbliebenen Rest 1935 unter NS-Druck an den preußischen Staat verkaufen; Göring selbst schaltete sich in die Verhandlungen ein. Heute ist der Welfenschatz im Berliner Kunstgewerbemuseum zu sehen, von wo ihn die Kläger seit 2008 zurückfordern. Dessen Trägerin, die SPK, bestritt nach ausführlichen Recherchen den Vorwurf: Weder handele es sich um NS-Raubgut, noch könne die Stiftung oder gar die Bundesrepublik Deutschland deshalb vor einem US-Gericht verklagt werden – wie es die Kunsthändler-Erben vor zwei Jahren getan haben.

Können sie doch, erklärte nun Colleen Kollar-Kotelly, Richterin am U. S. District Court for the District of Columbia in Washington, D. C., und wies den Berliner Antrag auf Nichtzulassung in den fünf wesentlichen Punkten, die sich auf Herausgabe des Schatzes beziehen, zurück. Außerdem deutet die Juristin in ihrer Urteilsbegründung sogar bereits an, welche Tendenz eine Entscheidung zur Sache haben könnte: "Die Kläger haben ausreichend begründet, dass die Nazis auf sie aufmerksam wurden, weil sie Juden waren, die etwas besaßen, woran die NS-Regierung großes Interesse hatte."

Möglich sei eine solche Entscheidung, sagt der in Washington lebende Raubkunstexperte Willi A. Korte, weil man in den USA mit dem Thema ganz anders umgehe als in Deutschland: "Hier wird das Thema Raubkunst eng im Kontext des Holocausts gesehen, anders als in Deutschland und Europa, wo man sich auf die Details des Verlustes oder der Transaktion beschränkt." Die amerikanische Sichtweise ermöglicht es vor diesem Hintergrund, die NS-Enteignungen als Verstoß gegen das Völkerrecht zu sehen. Der Grundsatz, nach dem ein souveräner Staat nicht vor Gerichten eines anderen Staates verklagt werden kann, ist dann hinfällig. Die weitere Entwicklung wird auch der Freistaat Bayern mit Spannung verfolgen: Gegen ihn wurde in den USA gerade Klage auf Herausgabe mehrerer bedeutender Gemälde von Max Beckmann aus der Neuen Pinakothek in München eingereicht.