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Als vor dem Jahr 2000 Vermutungen über das 21. Jahrhundert der Türkei angestellt wurden, schrieb der berühmte Soziologe Şerif Mardin pessimistisch: "Es könnte sein, dass sich die Türkei in zwei Nationen aufspaltet, eine islamistisch, eine säkular. Die beiden würden brachial aufeinanderprallen." Tayfun Atay, ebenfalls Soziologe, zitierte diese Prophezeiung letzte Woche und schrieb, sie sei jetzt eingetroffen.

Die Wörter Ja und Nein sind gleichsam zu Symbolen dieser soziokulturellen Spaltung geworden. Der Konflikt zeigt sich vor dem Referendum allerorten. Wobei die Bezeichnung "Aggression" angebrachter wäre, denn die Nein-Vertreter führen ihre Kampagnen quasi unter Lebensgefahr.

Letzte Woche wurde mit einem Handy aufgezeichnet, wie eine Frau mit Kopftuch bei einem Streit in einem Bus brüllte: "Erdoğan ist weltberühmt. Schon bald werdet ihr alle krepieren!" Das sind keine im Affekt dahergesagten Worte. Viele im Ja-Lager versteigen sich derzeit zu blutigen Drohungen. Als die Nein-Sager begannen, mit ihren Aktionen auf die Straße zu gehen, teilten zwei Gymnasiasten auf Facebook ein Foto von sich mit Pistolen in den Händen. Darunter stand: "Wir warten auf der Straße auf alle, die Nein sagen." Sie wurden festgenommen, aber nach kurzer Zeit freigelassen. Kurz darauf kam eine Videonachricht vom Leiter einer Provinzorganisation der Regierungspartei. Darin fragt er: "Was machen wir mit den Nein-Sagern?", und lässt einen Kugelhagel aus seiner Pistole folgen.

Der AKP-Abgeordnete Yalçın Akdoğan sagte, ein Nein komme einem Putsch gleich. Der Abgeordnete Burhan Kuzu sagte: "Wenn ein Nein herauskommt, lassen die euch nicht mal im Grab in Ruhe." Der Leiter einer AKP-Jugendorganisation auf Provinzebene meinte: "Bereitet euch auf einen Bürgerkrieg vor, wenn wir scheitern."

Und es geht nicht nur um Verbalattacken: Aus dem ganzen Land hagelt es Meldungen über Angriffe, Körperverletzungen und Verhaftungen. Der Jugendliche Ali Gül drehte ein Spaßvideo zum Nein und wurde verhaftet, er sitzt noch. Der Song der kurdischen Nein-Kampagne der drittgrößten Partei HDP wurde verboten. Ihre Vorsitzenden, 13 Abgeordnete, 750 Kader und 85 Bürgermeister sind inhaftiert. In Samsun wurde dem ehemaligen CHP-Vorsitzenden Deniz Baykal ein Saal für seinen Auftritt verweigert. Der MHP-Abgeordneten Meral Akşener, die sich gegen die Unterstützung ihrer Partei für Erdoğan wehrt, wurde mitten in ihrer Rede der Strom abgedreht. Soweit einige bekanntere Beispiele. Wie der Druck in der Provinz aussieht, ist gar nicht auszudenken.

Das Fernsehen fungiert als Propagandamaschine. Auf 17 Sendern bekamen in den letzten zehn Tagen die AKP 5.000, die CHP 1.000 und die HDP ganze 33 Minuten Sendezeit. In Istanbul wurden letzte Woche die Nein-Plakate zerstört. Und Erdoğan klagt, Deutschland habe ihn keinen Wahlkampf machen lassen, und nutzt das für seine Propaganda. Kurz, die Polarisierungspolitik der Regierung hat Wirkung gezeigt: "Zwei Nationen", eine islamistisch, eine säkular, sind brachial aufeinandergeprallt. Und warum die Panik? Weil in den Umfragen trotz allem das Nein die Nase vorn hat.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe