Die Reformation war ein Medienereignis. Diese Deutung hat sich mittlerweile in der Forschung etabliert. Ohne die Erfindung des Buchdrucks ein paar Jahrzehnte vor dem Beginn der Reformation wäre sie kaum möglich gewesen. Flugblätter, Flugschriften und erschwingliche Bücher haben die reformatorischen Gedanken in die Öffentlichkeit getragen. Luther verstand es, die Klaviatur der medialen Vermittlung zu spielen. Dazu gehörte neben der Predigt auch der deutschsprachige Gemeindegesang. Und Luthers streitbare theologische Texte waren damals plötzlich gefragter als Andachtsbücher.

Manchmal wird heute gefragt: Hätte Luther getwittert? Vom Typ her bestimmt. Ängstlich war er an dieser Stelle nicht und auch nicht zimperlich. Die Bandbreite seiner Äußerungen reicht – vom 21. Jahrhundert aus betrachtet – von genial bis zu geht gar nicht. Der kommunikative Grundimpuls der Reformation lautete auf jeden Fall: Es geht darum, das Evangelium auf allen Kanälen zu kommunizieren.

Zurzeit gibt es viel Bewegung in den Kirchen. In der evangelischen Kirche ist es so, dass die Öffentlichkeitsabteilungen in allen Landeskirchen längst digital kommunizieren. Viele nutzen verstärkt Bewegtbilder, die auch über Social Media verbreitet werden. Das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik in Frankfurt hat erst vor Kurzem große Reichweite mit einem Video erzielt, in dem der Fußballtrainer Jürgen Klopp im Rahmen der Botschafterkampagne zum Reformationsjubiläum darüber redet, was der christliche Glauben für ihn bedeutet.

Es ist klar, dass für viele Menschen – alte wie junge – die digitale Kommunikation immer wichtiger wird. Gleichzeitig gilt: Sie wird die Begegnung von Mensch zu Mensch nicht ersetzen. Gemeinsam gefeierte Gottesdienste, Gemeindekreise, Synoden und natürlich die Seelsorge bleiben wichtig. Es wird aber immer mehr darauf ankommen, analoge und digitale Kommunikation gut aufeinander zu beziehen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

"Kirche und Digitalisierung" darf nicht auf die mediale Nutzung der digitalen Möglichkeiten reduziert werden. Die Digitalisierung ist längst dabei, unser Leben grundlegend zu verändern. In vielen Firmen wird intensiv über "Arbeit 4.0" nachgedacht und längst umgestaltet. Für die Pflege werden Roboter erprobt, Hausärzte testen Möglichkeiten digitaler Kommunikation mit ihren Patienten, und wie selbstverständlich sollen bald Autos ohne Fahrer auf den Straßen rollen. In der Kombination von digitaler Kommunikation und der Entwicklung künstlicher Intelligenz öffnen sich neue Welten und es entstehen viele neue Fragen. Damit all das wirklich den Menschen dient, braucht es konstruktiv-kritische Stimmen.

Martin Luther hat die befreiende Kraft des Evangeliums entdeckt – in seinen Lebens- und Todesängsten. Er hat sich gegen das gestellt, wovon er überzeugt war, dass es den Menschen in falschen Abhängigkeiten hält. Seine Gedanken aufnehmend muss man immer wieder fragen: Wie kann das Leben freier, gerechter und sozialer werden? Moderne Kommunikation und fortschreitende Digitalisierung sind kein Selbstzweck. Am Ende muss die Technik den Menschen dienen – sie darf ihn niemals beherrschen.