Die Sucht von Leon Fink* begann schleichend. Gegen seinen Kopfschmerz schluckte er gelegentlich eine Tablette. Dann erhöhte er die Dosis: auf zwei, vier, sechs am Tag. Nach einigen Jahren lag Finks tägliche Pillenbilanz bei 30. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits mehrere Tausend Euro in kleine weiße Tabletten investiert. Dem 42-jährigen Buchhalter waren keine illegalen Drogen zum Verhängnis geworden, sondern das rezeptfreie (1)* Schmerzmittel Thomapyrin.

Finks Geschichte ist extrem. Trotzdem spiegelt sie ein verbreitetes Problem wider: 20 Millionen Menschen in Deutschland haben chronische Schmerzen – und viele therapieren sie ohne ärztliche Rücksprache mit rezeptfreien Schmerzmitteln, sogenannten Over-The-Counter-Präparaten (OTCs). Jedes Jahr gehen hierzulande in den Apotheken drei Milliarden Einzeldosen über den Verkaufstisch. Das ist genug, um zehn Millionen Menschen an jedem Tag des Jahres mit einer Tablette zu versorgen. Die wenigsten wissen, dass nicht jedes Schmerzmittel gegen jeden Schmerz hilft. Und kaum jemand kennt die Gefahren, die eine unkontrollierte Anwendung dieser Medikamente bergen kann.

Das Beispiel Kopfschmerz macht es deutlich: 54 Millionen Deutsche empfinden ihn zumindest zeitweise als gravierendes Problem. In drei von vier Fällen handelt es sich um die beiden häufigsten Typen, Spannungskopfschmerz oder Migräne. Die International Headache Society verzeichnet daneben aber noch fast 400 weitere Arten, darunter Hustenkopfschmerz oder Kopfweh bei sexueller Aktivität.

"Bei den meisten Typen wirken die klassischen Schmerzmittel gar nicht", sagt Hartmut Göbel, Chefarzt in der Schmerzklinik Kiel. Auch bei den beiden häufigsten Arten helfen sie nicht zuverlässig: Zwei Stunden nach der Einnahme von Ibuprofen ist laut Analysen des Cochrane-Netzwerks nur jeder vierte Patient mit akuter Migräne schmerzfrei, beim episodischen Spannungskopfschmerz ist es jeder fünfte.

Immerhin sorgen die rezeptfreien Medikamente bei vielen zumindest für eine Linderung. Das gilt auch für andere Alltagsschmerzen etwa im Kreuz oder im Knie. "Zwei-, dreimal im Monat eine Schmerztablette zu nehmen ist auch völlig in Ordnung", sagt Göbel. Als Obergrenze gelten vier Tage am Stück und eine Gesamtzahl von zehn Tagen im Monat. Danach werden Nebenwirkungen deutlich wahrscheinlicher (siehe Kasten).

Aber welches Schmerzmittel ist das richtige? Im Dschungel der exotischen Handelsnamen kann man sich schnell verirren. In Dolormin-Schmerztabletten (2)*, Nurofen und Ibuflam steckt zum Beispiel ein und dasselbe Mittel: Ibuprofen.

Den Großteil aller OTC-Schmerzmittel machen fünf Wirkstoffe aus: Ibuprofen, Diclofenac, Acetylsalicylsäure (ASS), Naproxen und Paracetamol. Sie alle können Schmerzen lindern und Fieber senken. (3)*

Ibuprofen, laut dem IMS-Health-Bericht von 2016 der meistverkaufte Schmerzmittel-Wirkstoff in Deutschland, wirkt in allen drei Bereichen stark und hat das breiteste Einsatzgebiet – von Zahn- und Kopfschmerzen bis hin zu Gelenkbeschwerden.

Naproxen zeigt sich ähnlich vielfältig und ist zusätzlich speziell für Regelschmerzen zugelassen. Diclofenac reichert sich besonders gut in entzündetem Gewebe an und eignet sich deshalb gut für Sportverletzungen und Gelenkschmerzen mit Schwellungen. Alle drei Wirkstoffe hemmen die Blutgerinnung und sollten deshalb vier Tage vor Operationen nicht mehr eingenommen werden. ASS steht den dreien in Sachen Schmerzstillung in nichts nach. Weil es die Gerinnung aber für eine längere Zeit hemmt, sollte man es schon zehn Tage vor Operationen oder Eingriffen beim Zahnarzt nicht mehr nehmen. (4)*

Paracetamol bildet das schlappe Schlusslicht der Truppe. Im Jahr 2014 zeigten britische Forscher, dass das Medikament bei akuten Rückenschmerzen nicht besser wirkt als ein Placebo. "Auch bei Migräne und Kopfschmerzen hat Paracetamol laut Studienlage kaum einen Effekt, bei Gelenkverschleiß, Nervenschmerzen oder Schmerzen nach Operationen wirkt es nach aktuellen Analysen gar nicht", sagt Göbel.

Für bedenklich hält der Schmerzmediziner Kombinationspräparate wie Thomapyrin, das Mittel, dem Leon Fink verfallen war. "Thomapyrin enthält etwas ASS, etwas Paracetamol – das, wie wir nun wissen, ohnehin nicht besonders gut wirkt – und etwas Koffein", erklärt Göbel. Koffein kann die Wirkung von Schmerzmitteln zwar erwiesenermaßen verstärken, allerdings ist dieser Effekt sehr schwach. Die belebende Wirkung, sagt Göbel, verleite dazu, das Medikament häufiger als nötig einzusetzen. Wer dauerhaft Schmerzpräparate nimmt, kann damit eine neue Form des Kopfschmerzes auslösen, die einzig durch die Tabletten bedingt ist – 1,6 Millionen Deutschen geht das so.