Roderick Macrae hätte schon früher ausrasten können. Als sein Nachbar Lachlan Broad ihn zwang, Entschädigung für einen Schafbock zu zahlen, der unter seiner Aufsicht zu Tode gekommen war. Oder als Lachlan ihn und seinen Vater aufforderte, den mühselig an Land geschleppten Tang wieder ins Meer zu werfen, weil dieser dem Grundbesitzer und nicht seinen Pächtern gehöre. Oder als Lachlan seinem Vater die Pacht aufkündigte und damit der Familie die Lebensgrundlage nahm. Oder als Lachlan Rodericks Schwester vergewaltigte. Erst als die Schwester sich umgebracht hatte, weil sie schwanger war, keimte in Roderick die Idee, den Dorfdespoten umzubringen. Jeder andere, und der Leser erst recht, hätte längst vor Wut gekocht, aber der siebzehnjährige Roderick ist ein gut erzogener, armer Junge im Fischernest Culduie an der schottischen Westküste. Und so berichtet er, wie er selbst dann noch zögerte, sein Vorhaben umzusetzen, als er schon auf dem Weg war, von dem erbärmlichen Steinhaus seiner Familie zum ebenso armseligen Haus Lachlan Broads am anderen Ende des Dorfes, wie er, seiner Sache fast schon gewiss, eine Hacke aufgriff und erst dann in den fremden Wohnraum eindrang und alle tötete, die er dort sah.

Dieser Bericht des Pächterjungen ist das zentrale Dokument in Graeme Macrae Burnets Roman Sein blutiges Projekt. Roderick hat ihn 1869 auf Anraten seines Anwalts verfasst, als er in Untersuchungshaft saß, während etliche Koryphäen abzuklären versuchten, inwieweit der jugendliche Täter verantwortlich gemacht werden könnte. Rodericks Bericht ist nur eine unter vielen Stimmen im Roman. Andere aufgeführte Dokumente von Ärzten, Anwälten oder Zeugen lassen durchaus Zweifel aufkommen, ob die Schuld so einfach nur in der Unterdrückung zu finden war. Der Autor hat alle Texte so authentisch formuliert, dass es schwerfällt, den Roman überhaupt als Fiktion zu erkennen. Burnet hat gut recherchiert, viele Einzelheiten sind verbürgt. Dem sozialen Elend in den Highlands steht die der Aufklärung verpflichtete moderne Kriminologie in Gestalt des bedeutenden Forensikers Thomson gegenüber. Burnet imitiert dessen Ideen ebenso begnadet wie das des jugendlichen Delinquenten. Im Orchester der fingierten historischen Stimmen klingt das klassische Leitthema auf: Was ist Schuld, und wie ist sie dem Einzelnen zuzurechnen? Burnet verblüfft durch die Kunstfertigkeit, intellektuelle Tiefe und Leidenschaft seines Arrangements, noch mehr aber durch die Spannung, die er erzeugt. Sein blutiges Projekt stand auf der Shortlist des Booker Price und ist ein großer Verkaufserfolg im anglofonen Raum.

Graeme Macrae Burnet: Sein blutiges Projekt. Der Fall Roderick Macrae
A. d. Engl. v. Claudia Feldmann; Europa Verlag, München 2017; 344 S., 17,99 €, als E-Book 13,99 €