Als Behzad S. im Frühjahr 2015 seine Heimatstadt Bandar Anzali am Kaspischen Meer verlässt, flieht er vor dem iranischen Staat. S. ist Christ, er sagt: "Christen verschwinden bei uns einfach." Die Polizei nehme sie mit, dann höre man nichts mehr von ihnen – manchmal nie mehr. S. hatte Angst, in einer dunklen Zelle zu landen.

Hätte er gewusst, dass ihn auch hier eine Zelle erwartet, wäre er mit seinen zwei Kindern und der Frau vielleicht in Österreich geblieben oder durchgefahren nach Dänemark. Nach Hamburg zu kommen, sagt er, sei der größte Fehler seines Lebens gewesen.

Herr S. ist 34 Jahre alt. Seine Entscheidung für Deutschland hat ihm 75 Tage Untersuchungshaft eingebracht, obwohl er unschuldig war. Und dass er, wie er sagt, "öffentlich gedemütigt" wurde. Seine Entscheidung für Deutschland führte letztlich auch dazu, dass seine Ehe über den Strapazen zerbrach und seine Frau ihn verließ. Der Iraner steht heute alleine da mit seinen kleinen Kindern. Sein Leben ist auf dem Tiefpunkt. Die deutsche Silvesternacht 2015/16 war für ihn nicht weniger als für viele angegriffene Frauen eine Schicksalsnacht.

Rekonstruiert man die Geschichte des Behzad S., wird erkennbar, welche Auswirkungen der öffentliche Druck hatte, der nach der Silvesternacht auf den Ermittlern lastete. Man erkennt, wie dringend Polizei und Staatsanwaltschaft darum bemüht waren, die Schuldigen der sexuellen Übergriffe zu präsentieren. Und es wird offenbar, welche verhängnisvollen Fehler ihnen unterliefen – Fehler, die man mit einigem Recht systematisch nennen kann.

S. lebt mit seinen Kindern im Flüchtlingscamp in einem Industriegebiet am Hamburger Stadtrand, Container 908, gerade groß genug für ein Familienbett, einen Spind und einen kleinen Tisch. Als für S. beginnt, was er den "Horror" nennt, war er gerade hierhergezogen. Trotz der Enge gefällt es der Familie zunächst gut, die Kinder bekommen ersten Schulunterricht, S. und seine Frau lernen Deutsch. Die Chancen auf Asyl stünden nicht schlecht, sagt man ihnen. Bald schon, hofft er, könnten er und seine Frau, beide Friseure, ihren eigenen Salon aufmachen und sich als kleine Unternehmer ein Leben aufbauen.

Dann kommt Silvester.

Die Bilder eines Party-Fotografen sollen Beweise liefern – aber sie beweisen nichts

Im Iran feiert man das neue Jahr erst Ende März. Komisch, denkt S., dass es in Deutschland gleich hinter Weihnachten liegt. Aber er will sich anpassen, also isst die Familie am 31. Dezember früher zu Abend und fährt gemeinsam in die Hamburger Innenstadt. Alle vier spazieren an der Alster entlang, kaufen gebrannte Mandeln, die Kinder werfen Knallfrösche auf den Boden. S. ist ein vorsichtiger Mensch, einer, der langsam und mit ruhiger Stimme spricht, sich vortastet. Irgendwann, erinnert er sich, wird es ihm an diesem Jahreswechsel zu laut und zu unruhig. "Bringen wir die Kinder ins Bett, bevor etwas passiert", sagt er zu seiner Frau.

Zurück im Camp, bekommt S. einen Anruf von seinem Freund Shahin, der nur ein paar Container weiter wohnt. "Lass uns nach St. Pauli fahren, wenn deine Kinder schlafen", sagt Shahin. Dort, habe er gehört, feiere man als Hamburger Silvester. "Farzin und Naghi kommen auch mit." S. will eigentlich nicht, es ist kalt und regnerisch, aber er lässt sich überreden. Das, sagt er, war die zweite falsche Entscheidung seit seiner Flucht aus dem Iran: "Warum bin ich nicht einfach zu Hause geblieben?"

An die Neujahrsnacht erinnert sich S. als "interessante Erfahrung, aber auch nicht viel anders als im Iran". Es werde eben Feuerwerk abgebrannt und gefeiert. Fotos und Videos aus der Nacht zeigen, wie die vier Freunde gegen zwölf auf der Reeperbahn stehen, wie sie Raketen nachschauen und Victory-Zeichen machen. S. trägt eine graue Mütze und eine blaue Jacke, ein gängiges Modell, das er wie viele Flüchtlinge von der Kleiderkammer geschenkt bekommen hat.

Von der Reeperbahn aus gehen die vier Männer etwa zwanzig Minuten später in Richtung Große Freiheit. Sie schieben sich ein paar Meter die Straße hoch, schaffen es aber nicht weit, es ist zu voll. "Ich wollte nur, dass mir nichts gestohlen wird und ich nicht hinfalle und zertrampelt werde", sagt S. "Komm, wir fahren zurück", sagt er bald zu Shahin, "das hat hier keinen Sinn." Um kurz vor halb zwei nehmen die Freunde die S-Bahn zurück zum Flüchtlingscamp. S. sagt, er habe gar nicht mitbekommen, was in dieser Nacht passiert sei. Dass es auch in Hamburg Hunderte sexuelle Übergriffe gab, sollte er erst Wochen später erfahren – durch die Polizei.