Neun Meter hoch in der Luft sitzen drei Mädchen auf einem Trapez – einer Stange, die wie eine Schaukel an zwei Seilen hängt. Die Mädchen tragen Shorts und T-Shirts, lachen und albern herum. Bis das mittlere aufsteht und sich kopfüber von der Stange fallen lässt. Die beiden anderen fangen es blitzschnell mit den Beinen auf, wirbeln es wieder hoch und heben es über ihre Köpfe. Hip-Hop-Musik setzt ein, Disco-Licht flackert, die Show beginnt: Willkommen bei Zip Zap, der Zirkusschule von Kapstadt in Südafrika.

Die Mädchen, die hoch oben in der Luft ihre waghalsigen Kunststücke zeigen, sind weiß. Der Junge, der nach ihnen als Clown atemberaubend schnell mit Keulen jongliert, ist schwarz. Manche der Akrobaten, die um ihn herum Salto schlagen, haben einen Hautton dazwischen, den man hier coloured nennt, farbig. "Zip Zap will Kinder zusammenbringen, die sich sonst kaum begegnen", sagt Zirkusdirektor Brent van Rensburg, der früher selbst Trapezkünstler war. Mit seiner Frau Laurence, einer ehemaligen Ski-Akrobatin, gründete er 1992 die Zirkusschule für Kinder jeder Hautfarbe. Das war vor einem Vierteljahrhundert eine kleine Sensation.

In Südafrika ging damals die Apartheid zu Ende, eine Zeit, in der schwarze, farbige und weiße Kinder nicht miteinander in Berührung kamen. Menschen mit dunkler Hautfarbe hatten viel weniger Rechte und Freiheiten als Weiße. Sie durften weder in denselben Stadtteilen wohnen noch dieselben Schulen besuchen wie die weißen Kinder. Nicht einmal auf derselben Parkbank sitzen durften sie. Heute sind in Südafrika vor dem Gesetz alle gleichberechtigt, trotzdem geht es vielen schwarzen Kindern noch heute nicht gut. Oft wohnen sie in Wellblechhütten in riesigen Armenvierteln. Sie erleben Gewalt oder leiden an schweren Krankheiten.

Dreimal in der Woche fahren die beiden Zip-Zap-Busse in die Armenviertel, um ihre Artisten einzusammeln und vor dem Zirkuszelt in der Stadtmitte abzusetzen. Damit wirklich alle Kinder mitmachen können, ist der Unterricht umsonst. Anfangs haben nur ein paar Dutzend Kinder die Zirkusschule besucht, inzwischen sind es 1500. Und nach jeder Vorstellung kommen mehr dazu. Die jüngsten Artisten sind gerade fünf Jahre alt.

Von Montag bis Sonntag ist das Zirkuszelt geöffnet. Es gibt Anfängergruppen, in denen jeder erst mal alles ausprobieren kann. Und welche für Fortgeschrittene, in der sich die Kinder auf ihre Lieblingsnummern konzentrieren. Wer richtig gut ist, schafft es ins Show-Team der Schule und kann vor Publikum auftreten.

Beim Aufwärmen im großen Zelt sind alle zusammen, wie in einer großen Familie: Die Artisten springen über Seile, spielen Fangen und tollen auf dicken Matten herum. Dann übt jeder seine Nummer: Ein kleines Mädchen balanciert – noch etwas wackelig – auf einem kniehoch gespannten Drahtseil. Ein paar Jugendliche kreisen mit Affenzahn auf dem Einrad durch die Manege. Eine Gruppe von Mädchen und Jungen jongliert mit Dutzenden kleinen Gummibällen. Und hoch über diesem Rummel hängt ein Mädchen im Spagat zwischen zwei roten Stoffbahnen.

Etwas am Rande liegen drei weiße Mädchen ganz entspannt auf dem Bauch, die Füße haben sie rechts und links neben ihren Ohren abgestellt. Kate, Gia und India sind zwölf Jahre alt, Drillinge und unglaublich gelenkig. Sie haben schon jahrelang Gymnastik gemacht, bevor sie neulich zum Zirkus kamen. Hier wollen sie unbedingt Trampolin lernen und waghalsige Kunststücke am Trapez. Gia mag bei Zip Zap besonders, so viele unterschiedliche Kinder zu treffen. Sie hört gespannt zu, wo sie herkommen und wie sie leben. Kate liebt es, immer neue Dinge auszuprobieren. Und India sagt, die Musik sei das Coolste. Und die netten Trainer.

Die sind in der Zirkusschule alle selbst Artisten. Man erkennt sie an ihren blauen T-Shirts. Sie bereiten die Kinder, die das größte Talent und den meisten Einsatz zeigen, auf Simunye vor. Das ist Khosa und bedeutet: "Wir sind eins". Simunye ist aber auch der Name der Show-Truppe des Zirkus, zu dem im Moment 65 Kinder gehören. Sie geben im Jahr mehr als 70 Vorstellungen und gehen etwa alle drei Monate mit ihrem Programm auf Reisen durch die ganze Welt. Auch in Deutschland waren sie bereits vier Mal.

Zip Zap hat schon viele Preise bekommen, sogar einen französischen Orden. "Unser größter Erfolg ist trotzdem die Art, wie die Kinder miteinander umgehen", sagt Zirkusdirektor Brent. "Alle sind Freunde. Ihre Hautfarbe und wo sie herkommen, spielt keine Rolle." Bei Zip Zap sind andere Dinge wichtiger als die große Show. "Wir lernen hier, an uns selbst zu glauben und nicht aufzugeben, auch wenn nicht alles gleich klappt. Und wir lernen, uns gegenseitig zu vertrauen und Respekt voreinander zu haben", zählt Trompie auf.

Trompie heißt eigentlich Jacobus Claassen und ist 24 Jahre alt. Bevor er vor sieben Jahren zum Zirkus kam, lebte er auf der Straße und schlug sich allein durch. Heute gehört er zu den besten Akrobaten von Zip Zap. Er rollt im großen Rad durch die Manege, balanciert mit Stapeln von Stühlen und als Bäcker-Clown ziemlich ungeschickt mit Sahnetorten. Als der Zirkus im vergangenen Jahr von Barack Obama, dem damaligen Präsidenten der USA, eingeladen wurde, freute sich Trompie besonders. "Ein Straßenkind besucht das Weiße Haus", sagte er, "ist das nicht verrückt!"

"Wir nennen das Zirkusmagie", sagt Direktor Brent. Er glaubt daran, dass Zip Zap Jungen und Mädchen helfen, ja sie sogar heilen kann: "Selbst Kinder, die geschlagen und ausgesetzt wurden, fühlen sich bei uns wie Helden."